Jahr: 2021

12.11.2021

Regionalzüge, die abends oder nachts von Großstädten in Provinzzentren fahren und schon eine halbe Stunde vor Abfahrt auf einem abgelegenen Gleis stehen, sind etwas ganz besonderes. Die Fahrt von Hamburg nach Kiel erinnert mich an den Weg von Nürnberg nach Bayreuth, nur dass man hier im Norden nicht das Gefühl hat, direkt auf dem Motor zu sitzen. In Franken muss die Bahn beweisen, die Gleise dem Wald und den Hügeln abgerungen zu haben, in Schleswig-Holstein rollt der Zug einfach durch das Flachland.

Mich fasziniert die Gemeinschaft der müden Pendler, die schon vor der Abfahrt eingeschlafen sind, die gelassenen Raucher am Bahnsteig und die fettigen Papptüten mit dem Abendessen, die im ganzen Abteil zu riechen sind. Jeder, der hereinkommt, wird beäugt: „Aha, dich kenne ich schon aus dem ICE.“

11.11.2021

Eine Linie beschreiben. Auf dem Balkon Tee trinken und einen alten Tisch zerkleinern. Einen Traum aufschreiben. Mit vertrauten Stimmen im Ohr in den Herbstabend laufen. Eine Weihnachtskarte neu bekleben. Einen Podcast aufnehmen und aus der COVID-Frust einen Auftritt machen.

10.11.2021

Ein blauer Strich, fast schon zwei kleine Kurven, diagonal mit Pastellkreide über ein weißes Blatt gezogen und dann mit dem Finger verwischt. Die Kanten sind weich, das blau verläuft sich im Papier, schwebt als verblassende Wolke um die Linie, die trotzdem noch gut zu erkennen ist. Je nach Blickwinkel ist es ein Riss oder eine Naht, aber keine aggressiver, kein scharfer Schnitt, sondern eine zarte Öffnung oder Schließung, je nachdem. Auf jeden Fall tritt aus der Blatthaut kein Blut, sondern der wolkenlose Himmel.

Für einen Strich ist ganz schön viel Bewegung in der Linie. Es ist das sanfte Hin und Her eines Schlitzschuhläufers ohne Ziel und Stoppuhr. Aufsetzen, wiegen, ausgleiten.

Für einen ersten Strich macht er auch sich ganz schön breit auf dem Papier, denkt vielleicht die Person, die auf den zweiten und dritten wartet, auf die Unterschrift, den Rahmen, die Präsentation und die Auktion.

09.11.2021

Interpretationsstufe 1: Frust.

Interpretationsstufe 2: Auspowern und den Gefühlen Muskeln machen, ein spontaner erster Spaziergang mit dem neuen Wintermantel und unerwartet Zeit zum Schreiben.

Interpretationsstufe 3: Wut.

Interpretationsstufe 4: Frust und Ausdruck.

08.11.2021

Dem Urlaub mit der Liste begegnen. Obwohl es gerade das Wesen von Listen ist, dass sie warten können, durfte konnte ich es nicht.

07.11.2021

Schon vorbei? Beim Packen wird mir schwer ums Herz und ich suche nach Ablenkung. Erst indem ich mir Schuldgefühle einrede zu langsam zu sein und unangenehmen Putzaufgaben auszuweichen, und dann mit Gedanken an mein Geburtstagsgeschenk, das mir mittlerweile etwas peinlich ist, weil ich ihm aus Verlegenheit noch eine Einladung zu einem Wochenendausflug beigefügt hatte, die sinnbildlich für die Sorge steht, ihr nicht genügend bieten zu können.

Im Zug ist dann alles wieder wie weggeflogen. Sanfte Beschleunigung Richtung Berlin. Eine Stadt so groß, dass man an unterschiedlichen Bahnhöfen aussteigt. Erst mit der dampfbetriebenen Schmalspurbahn, dann mit der Regionalzug und schließlich mit dem Intercity.

Auf den Plattformen zwischen den historischen Waggons ist Platz für romantische Abschiedsszenen aus historischen Filmen. Laut gegen das zischen und rattern. Im Großraumabteil wird geflüstert, nicht gerannt.

 

06.11.2021

Kamerafahrt vom Sofa raus aus dem Fenster in den wolkenverhangenen Nachthimmel. Man sieht uns eng umschlungen auf dem Sofa liegen und Musik hören, dann durch das Glas, das Fenster wird immer kleiner, irgendwann ist nur noch das Haus als Lichtpunkt zu erkennen und dann verschwindet die Kamera in den Wolken. In dem Moment beginnen der Abspann. Die ganze Zeit ist die Musik aber weiter zu hören. Kleine Szenen neben den Credits. Heimvideos. Wie es uns nach all dem ergangen sein wird.