01.12.2022

Irgendwann am späten Nachmittag zwischen den Aufgaben auf dem Teppich im Wohnzimmer. Dein Bein liegt über meinem, mein Kopf in deinem Arm. Ich wippe, du dehnst dich. Deine Bandscheibe ist schon verrutscht, meine soll gefälligst da bleiben, wo sie ist. Da liegt der Altersunterschied. Nicht in den Falten, sondern zwischen den Wirbeln. Sitzen ist das neue Rauchen. Ich habe nie geraucht. Vielleicht darf ich dafür länger in den Bildschirm starren als du. Dein Stehschreibtisch surrt, meinen baue ich mir immer wieder aus Kartons, Büchern und einem Stuhl zusammen. Provisorien sind einfacher zu akzeptieren. Aber hier ist nichts provisorisch auf dem Teppich. Das bleibt so.

30.11.2022

Ich sage ja gerne, dass in meinem Körper fälschlicherweise die Blase eines kleinen nervösen Kindes verbaut wurde. Die Teile waren nicht richtig beschriftet oder sowas. Kann passieren. Das Bild vom kleinen Kind soll natürlich von der Nervosität ablenken, um die es dabei eigentlich geht. Ich könnte meinen wiederholten Gang zum Klo ja auch genauso gut überspielen, indem ich andere ironisch überzeichnet daran erinnere, dass auch sie mehr trinken sollten, aber das wäre nicht nur nervig und belehrend, der Scherz hätte auch keinen ehrlichen Kern mehr. Obenrum Fassung bewahren und untenrum regelmäßig laufen lassen, das ist das Motto. Oder einfach nicht überspielen. Interessiert eh niemanden. Das denkt nur das Kind.

29.11.2022

Guten Tag liebe Mitleser und herzlich willkommen. Ich möchte Ihnen heute einige Empfehlungen für das Tagesprogramm geben. Sie wählen sich dann das passende.

Wir beginnen wie immer mit Scrollen und Müsli und machen dann mit Notizen und Textschnipseln bei einer Kanne Grüntee weiter. Erleben Sie danach verschiedene Arbeitssituationen vom Bett bis an den Stehschreibtisch und begleiten Sie uns direkt im Anschluss auch diesen Mittag wieder beim Zusammenstellen von Essensresten. Direkt danach eröffnet unser Telekolleg Espressomaschine mit einer Folge zum Thema Kopfschütteln den Nachmittag, an dem wir heute Wiederholungen der Serie „Und was jetzt zuerst?“ zeigen. In den Vorabend stimmen wir uns heute mit liegen gebliebenen Dingen ein. Verpassen Sie auf keinen Fall die leichten Kopfschmerzen, die das bereitet. Pünktlich um acht folgt dann der Tanzkurs. Und davor? Ganz richtig, ein kleiner Snack. Bis zum Sendeschluss begleiten wir den Kopf dann noch auf einer malerischen Reise durch die aufdringlichsten Gedanken und zwecklosesten Sorgen. Und das alles zu Musik. Ich wünsche viel Vergnügen.

28.11.2022

In dem Discounter, zu dem ich gehe, wenn ich die Vorräte auffülle, die fast jede Woche aufgefüllt werden müssen, gibt es noch einen Raum hinter der Verkaufsfläche. Eigentlich ist es ein Lagerraum, aber die Tür steht immer offen. Hier liegen alle Angebotsartikel, die in den letzten Wochen nicht verkauft wurden. Gartenstühle, Dampfbügeleisen, Buntstifte und elektrische Fußwärmer. Der Raum liegt außerhalb der normalen Runde durch den Laden, er hat nur einen Ein- und Ausgang und das Licht ist hier auch anders. Es fühlt sich verboten an hineinzugehen, aber es könnten auch Schnäppchen warten. Immer wieder sehe ich Leute, die sich vorsichtig in den Raum lehnen, ohne dabei die Schwelle zu übertreten. Nur mal kurz gucken. An dieser Entscheidung teilt sich die Kundschaft, ich bin mir nur nicht sicher in welche Gruppen. Seit heute hängt ein Schild neben der Tür, das große Rabatte auf alle alten Artikel ankündigt. Es wird wieder mehr Lagerfläche benötigt.

27.11.2022

Mein erstes bewusst wahrgenommenes Weihnachtslied dieses Jahr stammt von einem kleinen Posaunenchor auf einem noch kleineren Weihnachtsmarkt im Süden Berlins. Das Tränchen, das ich dabei verdrücke, ist noch winziger, aber die Verwunderung groß.

Eigentlich waren wir für einen performativen Audiowalk auf das Gelände gefahren, aber als wir wieder nach Hause kommen und die Reste vom Abendessen verschlingen, fallen wir in einen tiefen Schlaf, als wäre da noch viel mehr passiert als Sonne, Luft und Kunst. Sonne, Luft und Kunst und wieder ein erster Advent.

26.11.2022

Meine Schwester erzählt, dass in Stockholm ja schon letztes Jahr alle BeReal gehabt hätten und in Island laut einer Freundin von ihr sogar schon im Jahr davor. Verständlich. Früher war Island für die höchste Dichte an Autor:innen und Musiker:innen relativ zur Einwohnerzahl bekannt. In so einem isländischen Winter lässt sich auch nicht viel anderes machen, als selber Ideen in die Felslandschaft zu setzen. Mittlerweile ist das WLAN in Island besser und man ruft sich zur Begrüßung durch den Schneesturm nur noch Namen von Apps zu. Ich würde ja ein Beispiel nennen, aber die neusten Trends hängen noch irgendwo vor der Küste Norwegens fest.

25.11.2022

Solange die Eltern stolz darauf sind, dass ihre Kinder zu Fridays for Future gehen, sei der Protest noch zu schwach, erzählt der Fernsehsoziologe. Solange sei es noch keine Revolte, diese sei aber dringend notwendig.

Da fällt mir ein, dass ich „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ von Ted Kaczynski – dem Unabomber – noch auf meinem E-Reader habe. Kaczynski hatte den Text 1995 an die New York Times und die Washington Post geschickt und angeboten, seine Bombenattentate zu beenden, falls sie das Manifest veröffentlichen würden. Das geschah dann in Absprache mit dem Justizministerium und dem FBI auch. Verhaftet wurde er erst ein halbes Jahr später.

1995 wendete man sich als Terrorist noch an Zeitungen. Heute würde Marco Buschmann vielleicht mit Toni Kroos verhandeln. Dem folgen auf Instagram 36 Millionen Accounts. „Komm schon Toni, nur eine Story, dann hören die auf und wir stehen alle nicht mehr im Stau!“