19.10.2020

Wenn ich mich besonders mutig oder selbstzerstörerisch fühle, dann schaue ich in das Blog The Last Psychiatrist. Es wurde von 2005 bis 2014 von einem anonymen Psychiater geschrieben, der irgendwann verschwand, ohne sich zu verabschieden. Seine Texte sind meinungsstark, mitunter brutal direkt (?) und in zu großen Dosen sehr deprimierend. Seine Beispiele kommen meistens aus der Popkultur und auch wenn mich seine Schlussfolgerungen oft ratlos zurücklassen, stoßen sie bei mir immer irgendwelche  – meist unangenehmen – Einsichten ins Ich an.

Heute habe ich mich in der Kategorie Narzissmus verloren:

Und das heutige zermalmende Königsstück am Schluss:

“My fiancee is pushing me away and I’ve lost hope” (2012)

Aber bevor ich mich darum kümmern kann, was mich da genau in den Magen getreten hat (ist es überhaupt wichtig?), muss ich mich erst noch schmerzgekrümmt für die Kameras das Blog am Boden herumwälzen.

18.10.2020

„Warum bist du eigentlich so hart zu dir wirklich jeden Tag etwas Aufschreiben zu wollen, wenn am Ende dann doch nur ein halb garer Satz als Entschuldigung bei rauskommt?”

17.10.2020

10 Jahre Draufsicht und ein bisschen schlechtes Gewissen, das meine Aufgaben mit der Vorbereitung der Veranstaltung erledigt waren. Trotzdem die ganze Zeit über schwitzige Hände.

16.10.2020

Im chinesischen Internet gibt es den Ausdruck 報復性熬夜, wörtlich übersetzt: “als Vergeltung die Nacht duchleiden”, oder etwas griffiger: “revenge bedtime procastination”. Damit ist gemeint, nicht zu schlafen, obwohl man müde ist und schlafen könnte und wahrscheinlich auch besser sollte. Schlaftrotz. Das kenne ich sehr gut. Nicht, weil ich etwas gegen Schlaf habe, oder mich vor Albträumen fürchte, sondern weil Schlafen zu gehen bedeuten würde, die freie Zeit vor dem Schlafen aufzugeben. Die unbeobachtete, stille und dunkle Zeit, wenn der Tag hinter mir liegt, alles erledigt ist, was an dem Tag mit meinen Kräften möglich war, wenn alle Mahlzeiten verzehrt sind und nichts mehr passieren muss, außer irgendwann die Augen zuzumachen. Diesen Moment aufzugeben fällt mir sehr schwer. Dass ich statt zu Schlafen erschöpft durch Instagram, Twitter und YouTube scrolle, bis ich die Augen wirklich nicht mehr offen halten kann, lässt sich mit dieser Bezeichnung als Rache des Egos an der anscheinend nicht freiheitlich erlebten Wachzeit begreifen. Etwas sinnvolles könnte ich in dieser Zeit gar nicht tun. Weil ich viel zu müde dafür bin und weil es dann die Freiheit sinnloses zu tun, gar nicht nutzen würde. Die Berieselung muss als solche erkennbar sein.

15.10.2020

Da sind Hände. Da ist ein Atem. Manchmal auch quietschende Dielen. Und dazwischen? Das da eine Intention sein muss, die alles zusammenhält, scheint so unglaubwürdig wie die Existenz von Gespenstern und doch spüre ich da eine unheimliche Präsenz, die alles einschließt, was nicht Hände, Atem und manchmal quietschende Dielen sind. Die Grenze von Innen und Außen lässt sich da erahnen, wo die Gedanken wie Zootiere ihre Kreise ziehen.

14.10.2020

Geld sparen und zum Discounter oder etwas weniger nass werden und zum Supermarkt um die Ecke. Hätte Goethe sich solche Fragen stellen müssen, wären ganz andere Texte dabei herausgekommen.

13.10.2020

Die erste Nacht im Haus. Abendessen auf Campingstühlen im fast leeren Wohnzimmer bei Kerzenschein. Die Fußbodenheizung ist noch nicht richtig eingestellt und die Teekanne ist ein Topf, aber die Möglichkeiten hüpfen durchs Zimmer wie ein Flummi.