30.04.2026

Am Tag vor dem Feiertag sind die Schlangen im Supermarkt so lang, dass im Licht der Tiefkühlschränke niemand weiß, an welcher Kasse er eigentlich ansteht. Im Schicksal und der Ungewissheit vereint, ist endlich Zeit, globale Krisen in ihrer gesamten Komplexität auszubreiten, zu diskutieren und zu lösen. Freundschaften und Allianzen werden geschlossen, Menschen verlieben, enttäuschen und trennen sich wieder und für jede generationenüberspannende Blutfehde zwischen Großfamilien, deren Ende heute mit einer Verlobung besiegelt wird, entfachen sich zwei neue. Ich versuche, die angespannte Situation mit einem Gedicht aufzulockern:

Geld verdienen
sauber machen
Kilos stemmen
und so Sachen
alles hat zu funktionieren
hat am rechten Platz zu sein
wo ich nicht funktionieren muss
ist beim Warten
auf den Reim

29.04.2026

glühende Ohren und schon wieder aufs Klo
ich wende mich in Richtung wichtig
und das Einhalten wird zunehmend schwerer
mit der Brandbeschleunigerin im Arm
wenn die sich ihren Raum nimmt
dann halt auch der Rest
mit Druck durchs Gewebe
ohne Rücksicht auf Trotz

28.04.2026

Blüten im Dämmerlicht
restwarmer Frühlingsfeuchte
Fledermäuse, Nachtigallen
und die großen Fragen:

Für wen schreibe ich alles? Wann macht Prepping den letzten Schritt von Tarnfleck zu Tchibo?  Kann ich in meiner Stammkneipe Alf als Abkürzung für alkoholfreies Flensburger etablieren?

27.04.2026

Zum Frühstück gibt es herzhafte Küchlein mit Speckhaube,
obstbeladene Pfannkuchen, einen Brotkorb, auf dem Croissants balancieren,
Eier, so flüssig, dass sie im Glas serviert werden und daneben Orangensaft
mit einem Hinweis wegen der Verwechslungsgefahr.
Aber nach dem Aufwachen dann keine Spur mehr von Hunger.
Komplett sattgeträumt.

26.04.2026

den Anspruch von gestern
zum Vorsatz von morgen machen
und dann
Smalltalk zu einer Deep Dish Pizza
alkoholfrei und mit Lichtschutzfaktor
ich hatte heute schon zwei Gläser Wasser
denn Selfcare ist meine Leidenschaft

25.04.2026

Franz Sturbogen trat an das Mikrofon:

Wer nichts schiebt, der ist verdächtig
ohne Rucksack kein Geleit
es zählt die Optik
die ist mächtig
stets bemühte Sichtbarkeit

In seinem Wahlkreis waren vier von zehn Erwachsenen nicht wahlberechtigt, die Wahlbeteiligung lag nur knapp über fünfzig Prozent und zwei Drittel davon gaben an, das Gedicht nicht verstanden zu haben, wünschten ihm aber trotzdem alles Gute für die Zukunft, das sei ja besser als den ganzen Tag nur rumzusitzen, würde den Platz am Ende aber auch nicht sauberer machen.

24.04.2026

Die Ameisen haben einen neuen Weg in die Küche gefunden, die Ratten in den Hof, die Pickel ins Gesicht. Alles porös. Baustellen sollen uns an die Löcher erinnern, die zur Erfüllung notwendig sind. Die Straßenbauer vor der Tür sind auch bald fertig. Fehlt nur noch eine Tagescreme.