26.10.2026

Als sie nach Hause kommt, stehe ich nervös zwischen meinen gepackten Taschen: „Bevor du anfängst, lass mich erst etwas sagen: Ja, es ist nur knapp eine Woche, und Leipzig liegt vielleicht im Osten, aber immer noch in Mitteleuropa, und natürlich dauert es von hier aus, je nach Zugverbindung, sogar länger zum Alexanderplatz und ein Notfallschlafsack mag da etwas übertrieben wirken, aber in so einem Kurzurlaub ganz ohne Plan, da kann ja alles möglich passieren.“

25.10.2026

Versprichst du mir, dass du mir sagst, wenn ich durch die Analyse zu einer verrückten Psycholady werde?

Noch mehr?

Nicht lustig.

Versprochen. Das macht mir aber keine Angst.

Sondern?

Dass du dich veränderst und ich nicht. Dass sich für dich ein neues Kapitel auftut und ich weiter in der Küche stehe und Waffeln backe, bis du irgendwann merkst, dass du gar keine Waffeln magst.

24.10.2026

Wer Zeit zum Knibbeln hat, der tippt nicht schnell genug. Aber ab wann ist es nicht mehr Knibbeln, sondern Zerstückelung, fragt die Haut rund um die Fingernägel, oder eher, was davon übrig ist. Was vor ein paar Millionen Jahren als Belohnung für das Entfernen von Parasiten begann, sorgt jetzt für die kleinen Erfolgsmomente zwischen den Aufgaben und die schmerzhafte Verankerung in der Welt vor dem Bildschirm. Wenn schon nichts im Dokument landet, dann wenigstens in den Zwischenräumen der Tasten.

23.10.2026

Ich habe gestohlen, betrogen und gelogen, aber mich selten so dreckig gefühlt wie heute, als ich einer gutmütigen Freundin gesagt habe, dass sie den fröhlich glucksenden Kinderwagen ruhig noch eine weitere Runde um den Block schieben soll, nur damit ich in der Wohnung einige Dinge wieder an ihren rechten Platz räumen kann. Weggestohlen habe ich mich, im vollen Bewusstsein meines niederträchtigen Verrats, das herzzerreißende Weinen nach dem bösen Erwachen in einigen Minuten bereits in meinen Ohren klingend, und dennoch … ich vollzog die üble Tat!

22.10.2026

Im Chatprogramm etwas suchen
und auf Gespräche stoßen
die nichts damit zu tun haben
die Jahre her sind und voller Peinlichkeiten
von den Nacktbildern mal ganz abgesehen
und das unangenehme Gefühl
dass es sich nicht mehr so anfühlt
als wären die Nachrichten für mich
mit Poetry-Slam-Butter überschmieren
dann geht’s

21.10.2026

Ich bin der Einzige beim Tufting-Workshop ohne Pinterest-Vorlage, was um mich herum Entsetzen auslöst. Außerdem bin ich der einzige Mann. Die anderen gehören entweder zu Freundinnenkreisen, die ihre Ausflüge für die nächsten drei Monate bereits durchgeplant haben, oder sind Singles mit einer intensiven Beziehung zu ihrem Instagram-Account und einer sehr konkreten Vorstellung davon, wie ihre Wohnung möglichst schnell aussehen soll.

Mehrere Teilnehmerinnen haben die gleiche Vorlage mitgebracht: eine Gans, die keck aus dem Teppich guckt. Eigentlich ganz süß. Aber irgendwie finde nur ich unangenehm dass das eins der ersten Motive ist, die kommen, wenn man nach Tufting sucht.Mein Leben könnte sicher viel einfacher sein, wenn ich mich unironisch über einen Wandteppich mit einem Monstera-Blatt darauf freuen würde. Stattdessen muss ich spontan schauen (cool), was das Setting und das Material mir erzählen (deep) und wohin es mich dann führt (individuell). Wie anstrengend. Entsprechend sieht mein Ergebnis dann aus. Die Leiterin lobt, ich hätte das ja technisch sehr gut gemacht.

20.10.2026

Aus Versehen im Kopf einen demutsvoll breitbeinigen LinkedIn-Beitrag darüber formulieren, dass Leute das mit dem Ghostwriting missverstehen. Ich helfe nicht, die Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen, sondern rauszufinden, was überhaupt erzählt werden soll. Dann zum Glück doch noch die Kurve bekommen und nichts aus dem Fehler lernen. Wenn ich jedes Mal, wenn ich gefragt werde, ob mir die KI nicht die Arbeit wegnimmt, 10 Cent bekommen würde, dann hätte ich immer noch nicht genug.