28.09.2022

Mit der Klimakrise wird auch mein wackeliges Vertrauen in eine mir liebevoll zugewandte Welt angegriffen. Das romantisch überfrachtete Ideal des Gartens Eden steckt tiefer in mir, als ich es mir eingestehe, denn trotz aller Wüsten, Gifte und Vulkane denke ich an die Erde als einen mir stets wohlwollenden Nährboden, dessen Wunder es zu entdecken und zu bewahren gilt. Was theoretisch schon lange eingerissen war, bröckelt praktisch. Wer eh schon depressiv ist, verkraftet das besser. Nach Jahrhunderten der internalisierten Ausbeutung erlebe ich einen anderen Planeten, der nicht mit dem in mir zusammen passt, einem, dem das Leben abgerungen und gegen das es verteidigt werden muss. Was vorher nur Trauer um den Verlust des inneren Bildes war, wird im entstandenen Loch zur Angst vor der Rache der Außenwelt.

27.09.2022

Nach dem Einkaufen weist mich das Ende des Regenbogens zurück an den Ort, an dem sich das WLAN automatisch verbindet und sich meine Einkaufsliste zufrieden mit den anderen synchronisiert. Da, wo die alten Dielen Löcher in die Socken zwicken und die Mikrowelle gefährliche Geräusche von sich gibt.

Zu Hause begrüßt mich laute Putzmusik. Der Inhalt des Kühlschranks ausgebreitet auf dem Balkontisch und glitzert in der Sonne. Mein Topf voll Gold ist also eine Sammlung angebrochener Soßen und Aufstriche und eine Kiste mit Gemüse. Das stimmt ja auch irgendwie.

Als ich meine Einkäufe dazustelle, verdunkelt eine Wolke wieder den Himmel und aus dem Schatz vor mir wird ein Hort. Ein bisschen enttäuschend, dass alles auf den Tisch passt, denke ich. Im Kühlschrank sieht das sonst nach mehr aus.

26.09.2022

Es ist ein Bildschirmnackentag, was bedeutet, dass heute das oberste Ziel ist, den Spalt zwischen Augenbrauen und Gerät zu schließen. Eigentlich eine typische Schutzbrillensitzhaltung, nur dass keine Funken fliegen, sondern mittelmäßig interessante und eher schlecht definierte Aufgaben ohne Belohnung. In Kombination mit einem Fenstertunnelblick für den konzentrierten Fokus an den eigentlich relevanten Tabs im Browser vorbei und mit einem gut trainierten Scrollfinger ist so ein Tag äußerst effektiv in der Produktion von hartnäckigen Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. Und weil es so kurz vor dem Mittagessen ja dann eh nicht mehr lohnt anzufangen, schaue ich mir noch eine halbe Stunde Videos mit Rückenübungen an. Für später.

25.09.2022

Am Nachmittag Bäume bestimmen im Park.
Am Abend im Tanzstudio selber den Ästen und Verzweigungen nachspüren.

So noch ganz in Holz und Borke gekleidet, wiegt sich mein Wipfel im Wind aber der Stamm steht fest. Wurzelklammernd steif, auf Nüsse bedacht.
Kein Core-Workout notwendig.

24.09.2022

Vorzugssonntag, der

Ein Samstag in der Gestalt eines entspannten Sonntags, welcher kurz vor Ladenschluss doch noch hektisch wird, um auf den eigentlichen Sonntag vorbereitet zu sein.

Das Besondere am Vorzugssonntag ist, dass er in seiner Ausnahmehaltung über die meiste Zeit des Tages dem Ideal eines freien Sonntags näher kommt, als es der mit Erwartungen belastete tatsächliche Sonntag jemals könnte. „Komm, wir gehen nochmal ins Bett.“, sagt sich einfacher, wenn am nächsten Tag auch noch Zeit ist, um spazieren zu gehen. Außerdem hat ALDI am Vorzugssonntag geöffnet. Schon das macht ihn zum besseren Sonntag.

23.09.2022

Eine kleine Fahrradtour durch Sozial- und Zeitzonen. Am Vormittag erst Klimastreik in Mitte, am Nachmittag dann von Moabit nach Friedrichshain zum Kaffee und Kuchen auf der 5000 Euro Couch und kurz bevor die Käseplatte serviert wird, weiter zum 10 Jahre jüngeren Geburtstagskind nach Schöneberg. Als da die meisten Gäste ankommen, habe ich mich schon längst am Nudelsalat überfressen, alle körperliche Gebrechen und das Motto („end of hot girl summer“) bereits ausgiebig diskutiert und bin eigentlich bereit fürs Bett. Dazu kein Kommentar. Auf dem Weg nach Hause letzte Reste von Sommernachtgefühlen.

22.09.2022

Halt mal kurz an.

Was ist?

Ich muss dir etwas gestehen …

… Ok?

Ich habe die Kastanie verloren.

WAS?

Schon vor anderthalb Minuten.

Dann gehen wir zurück!

Nee, ich wollte mich nicht umdrehen. Nicht schon wieder. Sie ist mir nach hinten aus der Hand gerutscht. Vielleicht ist es besser so. Es kommen ja noch mehr Kastanienbäume.

Je wichtiger dir eine Sache ist, desto leiser bist du, weißt du das eigentlich? Aber wenn du Milch verschüttest, heulst du laut auf.

Es war eben eine sehr schöne Kastanie.