02.08.2022

Der Flughafen „Willy Brandt“ ist irgendwie kleiner als erwartet, aber der war ja auch nur 1,79 m groß. Schmidt, Schröder und Schulz sind sogar noch kleiner, nur Kohl wäre auf Augenhöhe gewesen. Die Junge Union hat mal vorgeschlagen, den Frankfurter Flughafen nach ihm zu benennen, aber die Junge Union ist halt auch die Junge Union.

Die S-Bahn in Richtung Stadt ist die modernste und sauberste, in der ich je saß und die Fahrt die bisher sanfteste. Hier sind also die Extramillionen gelandet, die der Spaß gekostet hat. Wenigstens An- und Abreise sollen gut in Erinnerung bleiben. Dazwischen bist du für dich selbst verantwortlich.

01.08.2022

Ich besuche am Abend noch spontan eine Ausstellung zu feministischen Dokumentar- und Kunstfilmen, weil im Haus der Kulturen der Welt montags der Eintritt frei ist und ich mich nach dem vielen herumsitzen, noch ein wenig bewegen will. Die Betonung liegt dabei auf *ein wenig*, denn außer den paar Minuten auf dem Fahrrad, sitze ich dann natürlich wieder die meiste Zeit mit Kopfhörern vor Leinwänden.

So richtig kann ich mich auf die aber nicht konzentrieren. Die Ausstellung ist gut besucht und auf vielen Wänden schaukeln, wippen und spreizen sich allerlei Brüste und Vulven, aber es sind nicht die, die mich ablenken, sondern die Tatsache, dass ich offenbar der einzige Cis-Mann ohne (weibliche) Begleitung im Raum bin. Immer wieder frage ich mich, ob ich schon zu lange oder zu kurz vor einem Werk stehe, oder ob ich kunstangemessen genug sitze und schaue. Um nicht des objektifizierenden Blickes verdächtigt zu werden, radiere ich die Körper also lieber gleich aus. Welche Ironie. Zurück auf Los.

31.07.2022

Die Korrespondentin aus Dublin meldet sich in einer Regenlücke mit einem Bericht über Kirchenbauten, Verbotsschilder und alkoholisierte Passanten, was vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts nur die Interpretation einer schwelenden Eskalation zulässt. Im Hauptstadtstudio wird derweil der Regen sehnsüchtig erwartet, was Kommentatoren dazu veranlasst, Parallelen zu den versprochenen Waffenlieferungen an die Ukraine zu ziehen. Als der Regen nach wenigen Tropfen jedoch gleich wieder versiegt, jubeln die staatstreuen Russen auf, werden aber sogleich von den grölenden Engländerinnen übertönt, die den EM-Sieg feiernd durch die Straßen ziehen. „Der Fluch ist gebrochen!“, rufen sie in Richtung Springer Hochhaus strömend, aber weil alle Straßenlaternen abgeschaltet wurden, um Strom zu sparen, verfehlen sie ihr Ziel.

30.07.2022

Ich war heute bei meinem ersten Australien Football Match. Wenn ich das Spiel richtig verstehe, geht es vor allem darum, Gelegenheiten zu schaffen und Druck zu machen. Zumindest wurde das an der Seitenlinie neben mir am häufigsten aufs Feld gerufen. Das Reinrufen ist ein wichtiger Teil des Spiels und weil Auswechselungen jederzeit möglich sind, darf jeder mal und weil manche besonders gut darin sind, lassen sie sich oft auswechseln.

Wenn einer der Schiedsrichter den Ball in die Luft wirft, versucht jeweils eine Person diesen springend mit den Fingerspitzen zu erwischen. Dann hoffen beide Mannschaften, dass der Ball bei einem ihrer darum versammelten Mitspieler landet.

Immer wenn ein Ball aus mehr als 15 Metern Entfernung gefangen wird, darf sich der Spieler entscheiden, ob er weiterlaufen will, oder ob er einen Freistoß ausführt, bei dem er erst wieder 15 Meter rückwärts geht, um dann in einer komplizierten Schrittfolge wieder zum Schuss zu laufen.

Hinter den Torpfosten stehen Personen, die im Flaggenalphabet den Punktestand anzeigen. Weiße Männer mit Dreads müssen besonders viele Bälle fangen, um diese behalten zu dürfen. Und vor dem Spiel wird per Münzwurf entschieden, welches Team dieses Spiel keine Punkte machen darf. Ich glaube, ich habe alles verstanden.

29.07.2022

Eine neue Bewegung formiert sich. Junge Menschen, die an den Wochenenden aus den Städten in die Wälder und Hügel ziehen, um Abschied von der Natur zu nehmen, so wie wir sie kennen. Freitags gehen sie auf die Straße und am Sonntag trauern sie.

Ich darf einige von ihnen zu einem ihrer Ausflüge in die Märkische Schweiz begleiten. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, ca. ein Dutzend Personen zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig. In der Regionalbahn Richtung polnische Grenze stechen sie vor allem damit heraus, dass niemand von ihnen Funktionskleidung trägt. Manche von ihnen hätte ich heute eher im Club als auf dem Weg in ein Wandergebiet erwartet. Die Stimmung ist gut, gar nicht, wie ich mir eine Trauergemeinschaft vorgestellt hatte.

Eine von denen, die heute dabei sind, ist Maike (23), die schon seit fast einem Jahr zum festen Kern dieser Gruppe gehört. Wie viele Gruppen es in Berlin gibt, weiß sie nicht genau, aber es werden immer mehr. Warum sie Abschied vom Planeten nehme, frage ich sie, aber sie korrigiert mich, es gehe nicht um den Planeten, dem Planeten seien die Menschen egal, wenn schon verabschiede der sich von den Menschen. Maike ist hier, um Abschied von der Biosphäre zu nehmen, die in dieser Form nicht mehr zu retten ist, selbst wenn von heute auf morgen alle Emissionen gestoppt werden. Zum Schützen und Bewahren sei es viel zu spät, sagt sie, es ginge jetzt um Schadensbegrenzung, um die Anpassung der Menschen und Ökosysteme an zukünftige Bedingungen und um Sterbebegleitung.

Wie viele ihrer Freundinnen war Maike von Anfang an bei Fridays for Future dabei und wie bei vielen von ihnen war sie vor einem Jahr kurz davor alles hinzuwerfen. Als die Aufbruchsstimmung der ersten Jahre nachließ, blieb nur noch Wut, die sie mit jedem verstreichenden Monat ohne ernstzunehmende Klimaschutzmaßnahmen immer weiter verbittern ließ. Als sie von einer Bekannten von dem Konzept dieser Trauerfahrten hörte, war sie zunächst skeptisch. Mittlerweile ist sie aber überzeugt davon, wie wichtig es ist, als Aktivistin auch diesen Gefühlen Raum zu geben. Außerdem sei sie auch dabei, um sich alles ganz genau einzuprägen, sagt sie. Den kommenden Generationen will sie auch von der verlorenen Welt erzählen können, um die sie gekämpft habe. Selber will Maike zwar keine Kinder bekommen, – das sei unter diesen Bedingungen unverantwortlich, ließe sich aber auch schwer verbieten, – aber in der Zukunft werde es Zeugen brauchen, wenn den Verantwortlichen den Prozess gemacht würde. Noch bevor ich fragen kann, wie sie sich diesen Prozess vorstellt und wer die Angeklagten seien, beginnt sie von den Verteilungskriegen zu erzählen, die sie erwartet und die bereits begonnen hätten. Wenn sie einmal später in einem Bunker sitzt und darauf wartet, dass draußen die Temperaturen sinken, will sie sich noch daran erinnern können, wie es war, in einem lebendigen Wald zu stehen. Vor ein paar Wochen zum Beispiel habe sie so gebannt eine Schwanenfamilie im Moor beobachtet, dass die anderen sie unter Tränen hätten weiterzerren müssen, damit sie noch den letzten Bus Richtung Berlin erwischen. Solche magischen Momente könne auch eine VR-Brille nicht ersetzen. Gemeinsam zu weinen täte gut, sagt Maike, das sei ehrlicher als immer die Hoffnungsvolle und Kämpferische zu spielen. […]

28.07.2022

Auf der inneren Konferenz der Tiermetaphern taucht ein neuer Teilnehmer auf – der Trotzstier, aber alle sind sich einig, dass es das noch nicht gewesen ist. Am Tisch sind noch Plätze frei, aber kein Tier traute sich nah genug heran, um die Namensschilder zu entziffern.

Aus Sommerferientrotz plane ich eine Wanderung und mache nach der heutigen Aufgabenliste direkt mit der von morgen weiter. Eins der Parkinsonschen Gesetze besagt, dass Arbeit sich genau nach dem Maß ausdehnt, wie Zeit für dessen Erledigung zur Verfügung steht (“Work expands so as to fill the time available for its completion.”) und heute stimmt es.

Auf Englisch sagt man, um seinen Alkoholkonsum zu rechtfertigen, man trinke nur ein Glas „to take the edge off“, also dass man den Dingen die Kanten nehme. Ein schöner Ausdruck. Einmal mit Schmirgelpapier über die Welt und dann kräftig pusten.

27.07.2022

Und wieder das Semesterferienproblem, dabei studiere ich nicht einmal mehr. Alle machen Sommerpause und auch wenn diese Pausen in der Regel angekündigt wurden, erwischen sie mich doch unvorbereitet. Ich schätze meine Routinen und Strukturen ja gerade weil sie mir Verantwortung abnehmen, weil ich mit ihnen nicht ständig alles im Blick haben muss. Und dann schließt plötzlich die Tanzschule und Leute fahren in den Urlaub und Arbeitsgruppentreffen fallen aus und Podcasts pausieren und selbst die Therapiegruppe trifft sich erst Ende August wieder und ich stehe mal wieder überrascht da, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen war, mich darauf vorbereiten zu müssen.

Jetzt zu versuchen, eine temporäre Ersatzstruktur zu etablieren, wäre ein typischer Anfängerfehler. So viel weiß ich. Offenbar bin ich doch nicht komplett lernresistent. So ein Pseudoalltag knirscht, stockt und vergleicht sich nur und bis es wirklich rund läuft, sind die Sommerferien vorbei. Die Tage müssen sich anders anfühlen und am besten funktioniert das, wenn sie auch anders aussehen. Also das 9-Euro-Ticket in die Hand und raus in die Steppe.