21.09.2022

Jürgen Habermas hat ein neues Buch veröffentlicht und darin steht durch seinen Namen geadelt, von Suhrkamp gedruckt und zitierbar gemacht, was wir schon seit Jahren erzählen, nämlich dass man durch geputzte Fenster besser sieht. Gerade im Winter sei das wichtig, führt er aus, denn da gelte es jedem Lichtstrahl den Weg zu bereiten, welcher Einlass in die kalte Wohnung begehre. Habermas lässt hier keine Zweifel daran, wie er sich in der Fensterfrage positioniert und weiß dies auch historisch zu begründen. Selbst mit dem von seinen Gegnern oft vorgebrachtem Einwand, dass dreckige Scheiben besser isolieren, setzt er sich in diesem Buch abschließend über mehrere Kapitel auseinander. Ob das in dieser Ausführlichkeit nötig gewesen ist, mag fraglich sein, doch beeindruckend ist diese Ausdauer und Genauigkeit durchaus. Nur zur Frage nach zurückbleibenden Schlieren, ja generell zu Fragen der Ästhetik hält Habermas sich überraschend bedeckt, wobei in der Verkürzung der Schlieren auf ihren Makelcharakter ja vielleicht gerade der Schlüssel ihrer blickpolitischen Bedeutung liegt. Vier von fünf Fensterledern.

20.09.2022

In den letzten Tage gab es immer wieder Mutmaßungen, dass manche der Personenschützer von König Charles eine Handattrappe haben. Auf Bildern und Videos sind sie mit seltsamen Fingerhaltungen, Beulen unter ihren Sakkos oder einem übermäßig schwingenden Armen zu sehen. Während manche auf TikTok darin jahrelanges Training erkennen, möglichst schnell eingreifen zu können, sind diese Bilder für andere der Beweis, dass falsche Hände von den Schusswaffen ablenken sollen, welche die Personenschützer schussbereit unter ihren Jacken verborgen halten.

Ich bewege eine frisch geschlüpfte Kastanie in meiner Hosentasche hin und her und scanne die Gesichter der Passanten am Spreeufer. Alle scheinen zufrieden und glücklich über die Sonnenstrahlen zwischen den Regenschauern. Aber sollte es doch anders kommen, wäre ich bereit, blitzschnell einen Handschmeichler anzubieten.

19.09.2022

Der Weltuntergang hält die Luft an. Am Himmel steht ein Feuerball wie eingefroren und ich radele in seinem Licht nach Hause. Dafür, dass gleich eine Flammenwand alles Leben auf dem Planeten auslöschen wird, ist es aber erstaunlich nass und kalt.

Ich fahre mehr aus Gewohnheit weiter, als dass es etwas an der Tatsache ändern würde. Besser in Bewegung bleiben als die Verantwortung für den Moment nach dem Anhalten übernehmen zu müssen.

Sonst scheint den Feuerball auch niemand zu bemerken, vielleicht kann ich also doch wieder ausatmen. Vielleicht ist aber auch nur eine Wolke davor gezogen und ich sehe das Licht, das sich in meine Netzhaut gebrannt hat. Das wäre schon mal etwas. Ich würde vor der Apokalypse nämlich gerne doch duschen und etwas essen.

18.09.2022

Direkt nach dem Aufwachen habe ich plötzlich einen Namen im Kopf und dann sehe ich ihn auch vor mir: Schnarchibald Schneckenschreck watschelt am frühen Morgen zwischen den Beeten entlang. Seine Patrouille führt ihn wie jeden Morgen von den Karrotten bis zum Grünkohl. Die Vögel singen und unter seinen Füßen knirscht der Kies. Aber heute ist etwas anders als sonst. An der Kreuzung Zucchini-Blattgemüse wird seine schreckliche Ahnung Gewissheit. Schnarchibald fängt laut an zu schnattern und vor Aufregung fällt ihm glatt seine Wachentenmütze vom Kopf. Ein Salat fehlt.

17.08.2022

Eröffnung des Ostflügels im Humboldt Forum. Nach drei Stunden sind wir einmal durch die gesamte ethnologische Sammlung geschlendert und haben einen Platz im Bistro erkämpft, weil Fernweh das Loch im Bauch nicht stopft. Natürlich machen Hinweistafeln den Raub von Objekten nicht ungeschehen, aber so bleibt die Kritik konstant beschäftigt und der Rest kann sich ungestört begeistern.

16.09.2022

Für den Preis eines Monstera Deliciosa Variegata Ablegers könnte ich mir auch 35 neue Paar Herrensocken kaufen, die wären aber schwarz und hätten keine Löcher. Als ich das recherchiere, begrüßt mich auf der Seite des Textilgeschäfts das Bild von Füßen, auf deren Unterseite „Papa ruht aus“ und „bitte nicht stören“ steht. Dann stoße ich auf einen Artikel, der fragt, ob der Hype um Pflanzen mit weißen Flecken (also mit einem Gendefekt) etwas mit Rassismus oder ökologischem Paternalismus zu tun hat. Aha. Eine größere Pflanze gibt übrigens zum Preis eines Shopping Queen Einkaufsbudgets. Würde ich mir anschauen, wie Guido Maria Kretschmer Zimmerpflanzen bewertet? Vielleicht.

15.09.2022

Mir ist das dritte Auge auf die Unterlippe gerutscht. Ein weißer Fleck markiert und verhindert, dass es sich weiter öffnet. Aciclostad gegen Lippenherpes wird wahlweise mit dem Mantra „hoffentlich habe ich ihn früh genug bemerkt“ oder „bitte geh schnell wieder weg“ mehrmals täglich aufgetragen und entfaltet seine wahre Kraft durch den regelmäßigen Blick im Spiegel. Jeder demutsvoll versagte Kuss ist eine Opfergabe auf dem Altar des Immunsystems für den Ausstieg aus dem ewigen Kreislauf.