10.05.1993

Das auch über Berlin Polarlichter zu sehen gewesen sein sollen, lese ich erst, als es schon wieder hell wird und ich auf dem Balkon das Durchatmen zwischen dem Aufräumen und dem Schlafen gehen herauszögere. Ab jetzt dürfen die Vögel weitersingen. Die scannen die QR-Codes an den Bäumen und fügen Songs zur Hofplaylist hinzu. Das Begleitzwitschern lässt sich stufenlos regeln. Im Katalog sind alle Hits der Frühschicht. Wenn sie wollen, dann leihe ich ihnen auch gerne meine Lichtmaschine aus. Angeblich stimmte heute sogar die Farbe.

05.09.2024

Die Eisdiele ist nicht die beste, aber die einzige, die es hier gibt und das erzählt die Schlange vor der Tür natürlich nicht, sie quengelt und drängelt nur gierig und will noch eine Kugel mehr, mindestens, eigentlich lieber einen Eisbecher, mit Sahne und Streuseln, den bunten Streuseln und noch auf gar keinen Fall nach Hause.

04.05.2024

Als ich nach seinem Garten frage, erzählt M., dass er 10 Jahre gegen das Unkraut gekämpft und dann angefangen habe, mit den Pflanzen zu reden. Jetzt suche sie sich ihren Platz. Das finde ich an sich sympathisch, aber so sieht es auch sonst hier aus. Nach viel versandeter Arbeit und angefangenen Projekten, denen irgendwann die Luft ausgegangen ist. Jeden Abend höre ich ihn eine halbe bis dreiviertel Stunde am Klavier. Klimpern nennt er das gegenüber seiner Tochter. Ziellos, genauso wie er manchmal langsam durch den Garten geht und dabei mehr nach links und rechts zu schwanken zu scheint als andere Menschen. Eine Hand in der langen grünen Gartenjacke mit aufgestelltem Krage. Typ verarmter Landadel mit müden Jazzfingern.

03.05.2024

Irgendwann in der Nacht wache ich auf und es ist viel zu dunkel und ruhig. Das Knarzen des Betts erinnert mich daran, wo ich bin: Im AirBnB in der Uckermark, bei M. und seiner Tochter Rosa, die gerade in einer Märchen- und/oder Prinzessinenphase ist und dieses Jahr in die Schule kommt, aber nicht hier, sondern bei ihrer Mutter.

Um den neuen Füller einzuschreiben, wiederhole ich immer wieder das Wort „Maikäferkollision“ und trinke dabei anderthalb Liter schwarzen Tee in der Morgensonne. Nachdem auch alle andere notwendigen Worte zu Papier gebracht sind, setze ich mich wieder aufs Fahrrad und fahre so lange bis es wieder spät genug ist, um den Tag am See zu beenden.

02.05.2024

Nix los auf der Straße, nur vereinzelte E-Rentner mit grimmigen Grautbrotgesichtern und Wurstwangen. Dann ein Krankentransport. Können ja nicht mehr alle Fahrrad fahren. Immer wieder denke ich, gleich kommt ein Auto von hinten, aber es ist immer nur der Wind in den Bäumen.

M. begrüßt mich an der Unterkunft. Er ist gerade aus der Hängematte gekommen und etwa schwerhörig und nicht high, wie ich zuerst denke. Weil der Supermarkt hier schon viel früher schließt, mache ich mich gleich wieder auf den Weg ins Nachbardorf. M. schneidet sich im Garten gerade mit einer Küchenschere die Dreads im Bart ab. Seine Tochter würde ihn nur so kennen. Ob sie dann nicht erschrecken würde? Naja, es gäbe ja auch Bilder von ihm ohne Bart. Als ich zurückkomme, ist er glattrasiert.

Erstes Abendessen an der leeren Badestelle: Spreewälder Gurken und eine Packung saure Schnüre. Klingt schwanger, ist aber ein Bekenntnis zur Lust. Besonders sauer bin ich auch gar nicht, eher enttäuscht, dass ich schon jetzt mit dem Clean Eating-, Digital Detox-, No Fap-, Kreativretreat gebrochen habe. Immerhin ist das Radler alkoholfrei.

01.05.2024

In der Wohnung ist alles, woran man die Lust verlieren könnte, um Platz zu sparen aufblasbar. Zum Beispiel Badewanne, die Massageliege, das Klavier oder das Epiliergerät. Alles prall gefüllt. Jeden Morgen gehe ich mit meiner Pumpe durch die Zimmer und kontrolliere den Luftdruck.

30.04.2024

Zögernd alles in Bewegung setzen, um den Karaokebeschluss in die Tat umzusetzen. Zögernd, nicht wegen der Technik oder dem Aufwand, sondern wegen der Frage, wen ich gerne dabei hätte und ob die sich wundern würden, wenn es wirklich so wenige wären.