02.05.2024

Nix los auf der Straße, nur vereinzelte E-Rentner mit grimmigen Grautbrotgesichtern und Wurstwangen. Dann ein Krankentransport. Können ja nicht mehr alle Fahrrad fahren. Immer wieder denke ich, gleich kommt ein Auto von hinten, aber es ist immer nur der Wind in den Bäumen.

M. begrüßt mich an der Unterkunft. Er ist gerade aus der Hängematte gekommen und etwa schwerhörig und nicht high, wie ich zuerst denke. Weil der Supermarkt hier schon viel früher schließt, mache ich mich gleich wieder auf den Weg ins Nachbardorf. M. schneidet sich im Garten gerade mit einer Küchenschere die Dreads im Bart ab. Seine Tochter würde ihn nur so kennen. Ob sie dann nicht erschrecken würde? Naja, es gäbe ja auch Bilder von ihm ohne Bart. Als ich zurückkomme, ist er glattrasiert.

Erstes Abendessen an der leeren Badestelle: Spreewälder Gurken und eine Packung saure Schnüre. Klingt schwanger, ist aber ein Bekenntnis zur Lust. Besonders sauer bin ich auch gar nicht, eher enttäuscht, dass ich schon jetzt mit dem Clean Eating-, Digital Detox-, No Fap-, Kreativretreat gebrochen habe. Immerhin ist das Radler alkoholfrei.

01.05.2024

In der Wohnung ist alles, woran man die Lust verlieren könnte, um Platz zu sparen aufblasbar. Zum Beispiel Badewanne, die Massageliege, das Klavier oder das Epiliergerät. Alles prall gefüllt. Jeden Morgen gehe ich mit meiner Pumpe durch die Zimmer und kontrolliere den Luftdruck.

30.04.2024

Zögernd alles in Bewegung setzen, um den Karaokebeschluss in die Tat umzusetzen. Zögernd, nicht wegen der Technik oder dem Aufwand, sondern wegen der Frage, wen ich gerne dabei hätte und ob die sich wundern würden, wenn es wirklich so wenige wären.

29.04.2024

Im Fichtlgebirge, neben dem Weg zur Quelle des Weißen Mains, liegt vereinzelt noch Schnee auf dem Moos, dabei reckt sich das Thermometer heute schon wieder in Richtung dreißig Grad. Der Wanderweg ist ein Tauwasserbach und wir hüpfen von Stein zu Stein und zu versuche auf keinem der gefährlichen Themen auszurutschen.

28.04.2024

Die Schreibaufgabe heißt „Blätterhunger“

Version 1:

Große Lust aufs geschafft haben
und ein Stück Kuchen.
Abgeheftet und gepostet,
lieber Schönschrift als Zeilenabstand.
Trockene Tinte
sieht besser aus im Café.
Hauptsache Seiten füllen,
dann schläft es sich besser.

Version 2:

Sinnkrise für die Raupe Nimmersatt
Body Positivity, Ok, aber wer so viel frisst,
der läuft doch vor etwas weg, sagt ihr Coach.
Schmetterling, das sei doch Klassenverrat.
Unsolidarisch. Ob sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren könne.

27.04.2024

Eine Woche später rempelt sich eine Infotafel aus der Uckermark zwischen die Erinnerungen an die fränkische Hochzeitsgesellschaft, bei der ich zwischen zwei Krügen Radler auf dem Landgasthof für das Gästebuch die richtigen Reime suche.

Gaffend Volk liebt weißen Schleier,
Orgelton und schwarze Röcke
Luxusdroschke, ernste Chöre,
Zur vollenden Hochzeitsfeier.

Anders wars als wir uns fanden,
Mund zu Mund und Herz zu Herz
Unter Küssen Lust und Schmerzen
Wir für immer und verbanden.

Wiesenrain war unser Bette,
Himmel unser Baldachin
Und die schönsten Melodien,
sangen Vögel um die Wette.

Mutter Sonne gab uns Segen
Vater Wind strich uns die Wangen
Hand in Hand und ohne Bangen.
Gehen wir nun dem Sturm entgegen.

Zum Dichter Hermann Güldenstein steht nicht auf der Infotafel am Dorfteich, nur dass das Gedicht vor 1940 geschrieben sein muss und er 1945 nicht aus Ostpreußen zurückkam. Nicht der Sturm, an den er gedacht hatte.

26.04.2024

Offenbar habe ich die Langstreckengene geerbt. Vier Stunden Autobahn nach Franken kein Problem, aber bitte übernimm du die ersten Kilometer raus aus der Stadt.