28.10.2023

Alle dürfen ihre Wut in den Kohl kneten und am Ende kleiner Fermentiertütchen mit nach Hause nehmen. Was das ganze jetzt mit den Reichen zu tun hat, erschließt sich mir nicht ganz, aber um die geht es dann auch eher nur, weil „Feed the rich“ so gut über die Zunge geht. Eigentlich geht es um die Knetenden und wie sie nicht ihre Wut, sondern ihr schlechtes Gewissen in den Kohl, dass sie sich mit Selbstreferenzialität und hübschem Design abspeisen lassen, statt für ihre Ideale unironisch einzustehen.

27.10.2023

Lustpriorisierung steht ganz oben auf der To-do-Liste und so was nehme ich ernst, bestelle noch einen zweiten, diesmal entkoffeinierten Cappuccino, Lust heißt ja nicht gleich Exzess, irgendwann will ich heute ja auch noch schlafen, das kann ja auch lustvoll sein, so eine Müdigkeit, ist sie aber meistens nicht, weil ich die Lust nicht priorisiert habe, dann kann ich die Müdigkeit nicht genießen, es geht am Ende doch immer um eine gut gemachte Liste, einen Kalender in verschiedenen Farben, Boxen zum Abhaken oder Ausmalen, entspannt müde werden von acht bis kurz nach zehn, zufrieden einschlafen gegen elf.

26.10.2023

Tolle Blutwerte. Mein Hausarzt schickt sie mir sogar per Mail zu, damit ich sie ausdrucken und rahmen lassen kann. So wie mein Zahnarzt, bei dem die Behandlungszimmer mit Zertifikaten und Teilnahmebescheinigungen tapeziert sind. Nur die Ernährung könnte ein bisschen besser sein. „Noch besser?“, rufe ich empört aus, während mich der Schmerz aller im Supermarkt zurückgelassenen Schokoladentafeln der letzten Wochen auf einmal durchfährt. Er seufzt: „Spüren sie denn noch einen Funken Genuss beim Essen?“ – „Ja, schon.“ – „Dann geht das noch besser.“

25.10.2023

Ich bin immer noch krank, aber um das Haus heute zumindest einmal verlassen zu haben, mache ich am Nachmittag mit meinem MacBook einen Spaziergang zu einem Café, um für eine halbe Stunde meinen Teil zur Gentrifizierung des Viertels beizutragen. Wenn jeder seinen Teil leistet, dann können wir uns das bald alle nicht mehr leisten, denke ich gerührt. Wahre Selbstlosigkeit versaut sich den Geschmack des Flat Whites mit einem Halsbonbon.

24.10.2023

Sie, tropfend vor mir im Flur.
Ich, brauchst du Nassistenz?

Mehr ist heute nicht drin.

23.10.2023

Symptome, Blutdruck, EKG und Handauflegen passen ihm nicht recht zusammen. Morgen soll ich noch mal zum Blut abnehmen kommen. Mein Hausarzt mag eine manische Fixierung auf Karl Lauterbach haben und seinen Patient:innen lange gesundheitspolitische Vorträge halten, um mit seiner eigenen Überforderung klarzukommen, aber gründlich ist nicht nur darin.

22.10.2023

Ich habe wohl die Phase der Gruppentherapie erreicht, in der ich die Gruppe vermisse, wenn sie ausfällt. Und das liegt weder am Raum, noch an den Menschen, sondern eher an dem Versprechen, was sich in diesem Setting mit der Zeit aufgetan hat, ein Ort für die Dinge zu sein, die nicht schon beschriftet in mein Leben treten. Aber weil dieser Ort gleichzeitig so gefährlich ist, drängen sich die Dinge, über die ich reden müsste oder sollte, gerade in einer Woche auf, in der sie im sicheren Konjunktiv verharren können. Ich vermisse das Zögern und Mut fassen.