Katertag. Nicht vom Alkohol, sondern her ein Sozialglückskater. Der Kater von einem Abend, bei dem ich gerne und ausführlich die Verabschiedungsrunde mache und nicht aus Pflichtbewusstsein oder mich gar heimlich davonstehle.
26.05.2022
Um Viertel nach sechs stehe ich am Straßenrand und reiche die Tasche mit dem Proviant und einen Kaffee im nie zurückgebrachten Pfandbecher ins Auto. Gute Fahrt und fallt nicht vom Berg. Winken wäre übertrieben, oder? Aber da ist das Auto schon hinter einer Ecke verschwunden und ich schon auf dem Weg zum Aufwärmbäcker (2 Croissants für 1,20 €). Davor wartet eine ältere Frau auf einen Bus, der nicht kommt, wegen der Baustelle, versuche ich ihr zu erklären, aber sie spricht kein Deutsch und weil ich auch nicht herausbekommen kann, mit welcher Linie sie fahren will, deute ich nur ungefähr in die Richtung der Ersatzhaltestellen. Das reicht ihr schon, aber sie weiß ja auch noch nicht, auf wie viele Ersatzhaltestellen dieser Halt aufgeteilt wurde. Den ganzen Rückweg sorge ich mich für sie mit. Aber nur ein bisschen. Dann gibt es Croissants.
Natürlich verfolge ich den Amber Heard/Johnny Depp Prozess, ich schaue ja auch Raketenstarts und hätte fast den ESC geguckt, wenn ich nicht doch bessere Sachen zu tun gehabt hätte. Endlich mal wieder ein Thema über das alle reden und das weder mit toten Kindern, noch mit dem Ende der Menschheit zu tun hat. Und das beste: Egal, zu welcher Tageszeit ich mein Handy zücke, gibt es neue Highlights, Reaktionen und Memes. Die Contentmühle ackert in allen Zeitzonen. Der Livestream ist dabei gar nicht so wichtig, denn obwohl jede Geste analysiert wird, spielt die eigentliche Geschichte ja in der Rezeption und nicht im Gerichtssaal. Das, wofür der Prozess steht, macht ihn so tragisch, aber auch so spannend. Wie soll ich da denn nicht hinsehen?
25.05.2022
Geselligkeitskater. Kleine Augen und faserige Gedanken, einen halber Meter hinter mir. – Guck nicht so entrückt, sondern setz dich in den Schaukelstuhl, müder Zirkusbär. Hast du gar nicht mitbekommen? Tiere in der Manege wurden abgeschafft, es tanzen nur noch Hologramme. Die sind auch viel günstiger, nur was die Duftkanonen kosten würden, hatte man völlig unterschätzt. Authentischer Kamelmuff ist sehr teuer.
24.05.2022
In einen Raum kommen, wo mich so viele Menschen freudig beim Namen begrüßen, wann gab es das denn das letzte Mal? Wahrscheinlich etwa zur gleichen Zeit, als ich das letzte Mal vor dem Problem stand, bei dem langweiligen Teil einer Sitzung nicht einfach auf einem anderen Bildschirm weiterarbeiten zu können. Aus dem Notizbuch wird wieder ein Notizen- und Skizzenbuch. Freut mich auch, dich wiederzusehen! (Ne, wirklich!)
23.05.2022
Erst mal die Musik lauter machen, um die ganzen Kontexte, Settings und Atmosphären miteinander zu verweben. Um die Rührung und den Ärger auswalzen. Aber auch als Fazit für die ToDo’s und Strichlisten und damit die Nachrichten aus der Welt und die aus dem Postfach zueinanderfinden. Zum Schlucken, Verdauen und als Abführmittel. Zum gewiegt und geschüttelt werden. Erst mal die Musik lauter machen und später dann ganz langsam wieder leiser, wenn die Worte müde werden.
22.05.2022
Es gibt so viel zu fühlen, ich weiß gar nicht, wohin damit.
Ich fühle mit dem Paar in den Videos auf der Leinwand im Theater, deren esoterisches Gerede im Laufe der Vorstellung immer wahnhafter wird. Ich fühle mit der DJ, die ihr Set am Kanal unterbrechen muss, weil sich ihr Interface, die Anlage und ihr Anspruch an die Härte ihrer Bässe nicht miteinander vertragen. Ich fühle mit dem Hund, der immer wieder mit einer bei jedem Wurf kleiner werdenden Wurzel zurückkommt, weil ich mich sorge, dass er das vielleicht nur macht, damit wir uns nicht langweilen.
Es gibt so viel zu fühlen, ich weiß gar nicht, wohin damit und nehme deshalb noch ein paar Chips, ein Stück Kuchen und mehrere Maiswaffeln, damit im Magen kein Loch und kein Unterdruck entsteht, der die fremden Gefühle einsaugt, umkrempelt und zu eigenen macht.
21.05.2022
Morgentoilette. Im Bad schließe ich noch schnell mein Handy an das Radio im Schrank an. Auf Soundcloud begrüßt mich ein neuer Mix von OTHER PEOPLE, dem Label von Nicolas Jaar. Perfekt. Der Mix heißt „Would It Sound Just As Bad If You Played It Backwards?“ und fängt ohne Intro direkt an. Es zischt und knarrt und rauscht aus den Lautsprechern, begleitet von einem tiefen Dröhnen, das langsam lauter und leiser wird. Interessant. So wörtlich hatte ich den Titel gar nicht verstanden. Es klingt wirklich schlimm. Aber doch irgendwie spannend, denke, ich während ich den Bart trimme. Das Geräusch des Rasierapparats fügt sich auch ganz gut in die Klangfläche ein. Rückwärts abgespielt wäre das ja genauso ein Dröhnen. Während ich die Rasiercreme im Gesicht aufschäume, muss ich an das erste Drone/Noise Konzert denken, in das ich junger Erwachsener geraten war. Eine 30 Minuten lange hämmernd sägende Wand aus Rauschen, hart an der akustischen Schmerzgrenze in einem dunklen Raum, in dem nur die Synthesizer der ausdruckslosen Performer beleuchtet waren. Nach etwas mehr als der Hälfte der Zeit hatte ich geschafft, mich auf das Erlebnis als sinnliche Überforderungserfahrung einzulassen und begann die Nuancen des Lärms zu entdecken. Schon fünf Minuten später wollte ich dann aber nur noch, dass es endlich vorbei ist. So schlimm ist dieser Mix nicht, aber doch eine Herausforderung. Eine Herausforderung, die ich annehme, beschließe ich und drehe, bevor ich die Dusche steige, noch mal lauter. Am Radio fällt mir dann mein Fehler auf. Ich hatte den Drehknopf nicht bis nach AUX gedreht, sondern nur bis AM. Das FM-Rauschen hätte ich erkannt, mit UKW bin ich aufgewachsen, aber für Mittelwelle bin ich dann doch zu jung. Peinlich. Aber auch genau das, worüber ich mit J. noch vor ein paar Tagen gesprochen hatte. Um dazuzugehören und um sich locker für die Kunst zu machen, wird oft nicht nur der Mantel an der Garderobe abgegeben. Gleich der ganze Kopf.