18.05.2021

Beim Frühstück bekomme ich einen Anruf von „Christian Zug Salem Fjodor“.

Achja… Christian…

Er hatte meiner Mitbewohnerin am Vorabend eine Mail geschrieben, in der er beschreibt, wie schade es doch gewesen sei im Zug aus Berlin nicht genug Zeit gehabt zu haben, er hätte sie ja gerne noch auf einen Kaffee, der olle Fjodor hätte es ja nicht eilig, Salem sei natürlich ein ganzes Stück, aber falls sie mal in Nürnberg sei, könne sie sich ja mal melden.

Nun wohnt meine Mitbewohnerin gar nicht in Salem. Das wäre mir aufgefallen. Und sie ist in der letzten Zeit auch nicht mit dem Zug nach Süden gefahren. Es lag also eine Verwechslung vor. Eine Verwechslung, die viele Fragen aufrief: Ist Christian ein unangenehmer Typ, der Internatsschülerinnen im Internet nachstellt? Wie kommt er darauf das es sich bei seiner Begegnung um meine Mitbewohnerin handeln könnte? Braucht sie für solche Situationen doch besser ein Bild von sich auf ihrer Website? Und am drängendsten: Hat Christian sich nur nicht getraut nach ihrer Nummer zu fragen, oder hat sie ihn abblitzen lassen?

Weil er von seiner Dienstadresse schreibt haben wir ihn schnell ausfindig gemacht, eine Handynummer ist auch angegeben, also rufe ich an, aber um 22 Uhr geht nur die Mailbox ran. Ich lege schnell wieder auf und speichere mir die Nummer ab, falls er zurückruft. Dass er das schon vor neun macht, kann ich ja nicht ahnen und natürlich versäume ich im folgenden Gespräch zu fragen, ob er bei der unbekannten Nummer auf dem Display an seine Angebetete aus dem ICE gedacht hat.

17.05.2021

Traum von einem Heulkrampf, so stark, wie ich schon seit Jahren nicht mehr geweint habe. Ich krümme mich in abgetragenen weißen Unterhosen auf dem Balkon wie so ein deutscher Theaterschauspieler.

16.05.2021

Wer früh aufwacht, kann auch noch Kuchen backen und die toten Zweige des Himberbuschs aus dem Hochbeet zupfen. Mittlerweile bin ich mir sicher, welche nicht mehr austreiben werden, aber trotzdem macht mir die Gartenschere vorwürfe, denn ich hätte die Pflanze schon im Herbst zurückschneiden sollen. Ich löse vorsichtig eine Rute nach der anderen aus den Rankhilfen und trenne sie über dem Boden ab. Das ganze fühlt sich weniger nach Beetbereinigung und mehr nach Ernte an und meine Fingerspitzen schwelgen in Erinnerungen, die Zunge seufzt und vermisst die sonnige Süße. Zwar tragen die jungen Triebe bereits kleine Knospen, doch im Balkonblickfeld bleibt erst mal ein Loch zurück. Totes Holz ist auch Deko, aber jetzt ist zu spät und so ist mehr Licht und Platz für das, was kommt.

15.05.2021

Solange das Koffein wirkt, einfach weitermachen und wenn der Hunger kommt, erst mal Abstand nehmen: „Klärt das mal und schreibt mir, ob ich irgendwo was abholen oder noch beim Supermarkt vorbei soll. Ich muss raus hier, um euch und mich zu schützen.“

14.05.2021

Das virtuelle WG-Castinggespräch dauert länger als gedacht, was eigentlich ein gutes Zeichen ist, aber so bleibt uns nicht mehr viel Zeit bis zum Theater. Also Arbeitsteilung: Du das Gemüse, du die Nudeln und ich kaufe schon mal das Ticket für den Stream und suche in der Kammer nach der passenden Alkoholbegleitung: Die Politiker von Wolfram Lotz live aus dem Thalia Theater in Hamburg. Karten gibt es bis 10 Minuten nach Vorstellungsbeginn. Schön das die Zuspätkommer auch im Internet mitbedacht werden, aber wir sind pünktlich, gerade so. Eine Minute nachdem ein erst unsichtbarer Chor den Text zu flüstern beginnt, steht der dampfende Topf auf dem Tisch, aber so das er nicht die Sicht auf den Bildschirm versperrt. Mein Laptop schnarrt mittlerweile, wenn man ihn so laut aufdreht und der Wein ist auch nur kalt, weil wir noch Eiswürfel haben, aber dafür ist die Kamera gut und der Text noch besser und dann schauen wir doch alle zusammen das ganze Stück am Küchentisch und ich verpasse den anderen zu sagen, wie glücklich ich bin, hier so sitzen zu können.

13.05.2021

Regenfeiertag – Spaziergang durchs Moabiter Unterholz auf der Suche nach Kunst.

12.05.2021

Zum ersten Mal stehe ich vor Aldi in der Schlange, morgen ist also Feiertag, – gut zu wissen – und obwohl es zuzieht, ist immer noch kein Gewitter in Sicht.

Nach dem Abendessen baue ich mir im Wohnzimmer ein kleines Tanzstudio auf. Ich rolle den Teppich zusammen, lege eine Yogamatte zwischen mich und die Splitter in den Dielen und zünde eine Kerze an. Wenn sich die Treppe zum Obergeschoss schon nicht schließen lässt wie die Tür zum Flur, dann will ich wenigstens einen Lichtkokon, um mich darin verletzlich zu machen.

Zum Auflockern suche ich mir ein Video aus. Der Trainer stellt sich mit seinen Pronomen vor und beschreibt dann, wie er aussieht, was er trägt und wie er steht. Unerwartete Inklusivität hat oft etwas Komisches. Weil er bei seinen Sequenzen auch immer Rollstühle mitdenkt, sind seine Beschreibungen sehr vage und lassen viel Raum für Improvisation und Variationen, seine eigenen Bewegungen hingegen sind präzise und irritierend bestimmt, weswegen ich ab der zweiten Hälfte den Blick auf den Bildschirm vermeide.