Mittlerweile arbeite ich an der dritten Fassung der Masterarbeit (Digitale Abgabe → Druckfassung → Webversion). Spätere Generationen – die mit intelligenter Sprachsteuerung, mündlichen Interfaces und Gedankensteuerung – werden die Qualen einer Textformatierung genauso wenig verstehen, wie ich mir nicht vorstellen kann, wie man mit Schreibmaschinen, Lochkartencomputern und Telefonzellen ernsthaft etwas produktiv zustande bringen kann.
04.06.2020
Schlecht geschlafen, unkonzentriert gearbeitet, mittelmäßig gekocht.
03.06.2020
Vormittags unter der Woche liegen am See die Profi-Bräter, die Dicklederhäute, die Langzeitbelichter die pensionierten FKK-Veteranen mit Goldkettchenabzeichen und ich, mindestes halb so alt und doppelt so weiß. Eigentlich wollte ich wandern gehen, hatte Routen studiert, Proviant besorgt und meinen Rucksack gepackt, mich dann aber doch stattdessen kurzfristig zum Ausflug an den See. Aber auch da hält es mich nicht lang. Zu müde für Bewegung zu unruhig, um sich hinzulegen. Nach einer Runde im See steige ich wieder aufs Rad und essen den Proviant mittags zu Hause, bevor ich noch mal drei Stunden ins Bett gehen.
Ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: das Gefühl von Freizeitplanversagen nicht loslassen zu können, die Scham wieder nach Hause zu kommen und mich meinen Mitbewohner:innen gegenüber zu erklären, das schlechte Gewissen, den auf dem Rückweg gekauften Frusteisbecher am Stück geleert zu haben, oder am Morgen die Intuition in der Hängematte zu bleiben nicht ernst genug genommen zu haben.
Aber ich weiß, dass die Hängematte noch da war, als ich wieder aufgewacht bin, ich darin seit längerer Zeit mal wieder geschafft habe einige Romanseiten am Stück zu lesen, die Amsel immer mehr Zeit auf unserm Balkon verbringt und dass ich heute zum ersten Mal in diesem Jahr wieder schwimmen war.
02.06.2020
Ich habe einen Birkenstamm auf dem Fahrrad durch die Stadt balanciert, in den fünften Stock gezerrt und den ganzen Tag mit einer Säge und einem Schnitzmesser bearbeitet, bis er sicher und fest im Sonnenschirmständer stand und jetzt eine Ecke des Sonnensegels hält. Ich habe einen Bluterguss auf der Schulter, Blasen an den Hängen und Splitter in den Füßen, aber ich könnte trotzdem nicht glücklicher sein die schönen Dinge zu ignorieren, die im Laptop warten.
01.06.2020
Ein Vogel wollte Hochzeit machen in der Europacity, verirrte sich aber zwischen den Neubauten und entschied sich deshalb für ein Praktikum bei einem der ansässigen Wirtschaftsprüfungsunternehmen, weil es im peinlich gewesen wäre, hätte man ihm seine Verwirrung im Gefieder ansehen können.
31.05.2020
Wikingerschach spielende, Sommerbier trinkende, Musik hörende, Schattenplätze belagernde, langhaarige kapitalismuskritische intersektionale Antifaschist:innen mit ganz normalen Endzwanzigerproblemen, die hinter dem Zaun der Liegewiese lauern, auf uns alle hier. Und trotzdem und gerade deswegen lachen wir.
30.05.2020
Ein Fahrradausflug immer der Nase nach, grob am Wasser entlang Richtung Spandau, denn da war ich noch nie. Die paar Meter letztes Jahr zwischen Bahnsteig und U-Bahnhof zählen nicht, da war es zu dunkel und nass.
Auf dem Weg komme ich vorbei an Autobahnbrücken, Kleingärten, einer Müllverbrennungsanlage, Kleingärten, einem Kraftwerk, Kleingärten, Eisenbahnbrücken, Kleingärten und auf dem Rückweg auch noch einem Großgarten, dem Schlosspark Charlottenburg. Es riecht abwechselnd nach Bier, Sägespänen, Bratwurst, Erde, Stockbrot und Lack. Im Wind flattern Fußballvereine, Nationalstaaten und Vogelattrappen. Gated Communities gibt es in Deutschland schon lange.