14.10.2019

Navid Kermani: Große Liebe

Zwischen der Geschichte von zwei Jugendlichen in einer westdeutschen Kleinstadt Anfang der achtziger Jahre geht es um die (körperliche) Liebe als Gleichnis für die mystische Erfahrung, der Auflösung des eigenen Ichs in einer anderen, allumfassenden Subjektivität:

Statt in einer allgemeinen äußeren Umgebung wie im Drogenrausch löse sich Subjektivität in der sexuellen Verzückung in einem konkreten Gegenüber auf, in das der Liebende eindringe und das er zugleich umfange.

Hinterhergrübeln mit Ansage:

»Gott ist der Liebende, der durch die Bejahung ausgelöscht wird […] Die essentielle Wirklichkeit kann sich nur dank der Handlung des Dieners ereignen, also handelt es sich um eine Auslöschung Gottes. Das verstandesmäßige Argument kann ebenso wie die intuitive Erkenntnis lediglich zum Dasein Gottes gelangen, nicht zum Dasein des Dieners und auch nicht der geschaffenen Welt. Hingegen in der Schau ist die Bejahung Gottes zugleich Seine Auslöschung in der Welt der Erscheinungen.« Mir ist klar, daß die Stelle am schwersten zu verstehen ist für den, der an Gott glaubt und der nicht an Gott glaubt. Ich bitte den Leser, sie dennoch zu beachten, sie nötigenfalls wieder und wieder zu studieren oder am hundertsten Tag noch einmal sich vorzunehmen. Denn sie enthält den Kern meiner und auch deiner Geschichte, wann und wo immer du jemals groß geliebt, nur daß Gott in Wirklichkeit leicht enttäuschende Namen trägt. Und nur wenige wissen, wozu die Entdeckung gut ist.

13.10.2019

Beim Spaziergang mit Nervenschokolade in der Hand tropft es von meiner Nasenspitze. Drei Flüssigkeiten kommen in Frage:

  1. Blut
  2. Schleim
  3. Regentropfen

Meine Aufgabe beschränkt sich heute auf den kontrollierenden Blick ins das getupfte Taschentuch. Und mitleiderregend Tee schlürfen natürlich.

12.10.2019

Das genetische Bäuchlein unterscheidet sich vom saisonalen Bäuchlein in dem es sich schon am Herbstanfang, noch vor den Marzipankartoffeln präsentiert.

11.10.2019

Mic Check, Mic Check, am Holocaust-Mahnmal laufen wir still vorbei, nicht schnell, still. Weitersagen. Still, nicht schnell. Es wird nicht mal geflüstert, so diszipliniert sind die wir Hippies vor Ohnesorg. Die älteren Herren mit Stoffbeuteln der AfD Bundestagsfraktion am Straßenrand wissen nicht wie sie reagieren sollen, also filmen sie.  Zwei Kreuzungen weiter beginnen die ersten wieder zu summen und pfeifen, eine Kreuzung weiter wird daraus ein klatschen und singen: „We are rising up … join the rebellion“ auf die Meldodie von „Hejo, spann den Wagen an“. Ergriffenheit und Peinlichkeit liegen ganz eng beieinander, aber demonstrierte Harmlosigkeit ist Teil der Deeskalationsstrategie.

10.10.2019

Immer noch krank (und immer noch ein Feigling).

09.10.2019

Gesamtpolitischer Dreckstag (Stochastischer Rechtsterrorismus in Halle, Einmarsch Richtung Kurdistan) und auch noch krank.

08.10.2019

Im kleinen roten Buch, das ich in der Badewanne mit dem grünen Badezusatz lese, schreibt der Autor, von dem ich gerade alles lese, was ich antiquarisch zwischen die Finger bekomme:

[…] Dann sah er sich in seiner ganz kindlichen, nun seltsam bewußt gewordenen, grell erlebten Verwirrung, seinem Schwachmut zwischen den großen Rücken sehen: die Einschnürung. Qabd wa-bast, ‚Einschnürung und Ausdehnung‘, nenne die Sufis die eiden Grundzustände, in deren dialektischer Folge sich die mystische, wenn nicht alle Erfahrung vollzieht, bei Hegel ja auch in der Geschichte. Ibn Arabi erkannte in qabd wa-bast ausdrücklich ein Vorgefühl, das die Seele von den Dingen habe bevor diese in den Bereich der äußeren Sinne träten. […]

Und im dicken roten Buch auf dem Schreibtisch schreibt ein anderer:

[…] Leiblich sein bedeutet in erster Linie: Zwischen Enge und Weite in der Mitte zu stehen und weder von dieser noch jener ganz loszukommen, wenigstens so lange, wie das bewußte Erleben währt. […]

Das Vorgefühl könnte man also auch die Bedingung aller Erfahrung, den Leib nennen, der nicht mit dem Körper zu verwechseln ist:

[…] Das eigenleiblich Gespürte ist stets räumlich ausgedehnt wie der sicht- und tastbare Körper, aber in wesentlich anderer Weise. Dieser Körper hat nach außen eine scharfe, flächige Grenze an der Haut. Der spürbare Leib hat keine Haut und keine Flächen. […] Das leiblich Gespürte ist genau so unteilbar ausgedehnt wie das Volumen weit ausladender, etwa massig dumpf ergossener Klänge, und gleich solche Volumen doch keineswegs ungegliedert, sonder eigentümlich strukturiert und artikuliert. […]

Sein Lieblingsbeispiel ist „das ganzheitlich den Leib durchflutende Behagen in der Badewanne“. Aber er schreib nicht so, als würde er Badezusätze verwenden, die an vernachlässigte Aquarien erinnern.