elchgeweih.de

[fach]blog [für [m[einen]] [all]tag]

31.07.2019

Podcastidee: Anonyme Anrufer:innen reden über ihre Angst vor der Klimakatastrophe und vor den Faschismus. Ziel ist es der Angst beim Sprechen und Hören Raum zu geben, in Wut zu verwandeln und dann die Welt zu tragen.

30.07.2019

Abschalten ist das völlig falsche Wort. Es suggeriert, man müsse nur einen Berg überwinden und von da an ginge es bergab. Ent-spannen ist viel aktiver als es klingt. Eine Hügellandschaft mit Überraschungshügeln und Ausblick auf ein Meer, das nur aus der Ferne ruhig wirkt.

29.07.2019

Shindy statt Hölderlin. Auch Bürgerlich, nur statt im Wohnzimmer im ausgebauten Dachboden über die Medion Computerboxen von ALDI:

Und die MILFs sind am warten, als wär’ ich Kinderarzt, ah
Lambo in schwarz-matt, picture me rollin’
Flügeltüren, auf mei’m Batman-Film wie Christopher Nolan
Zehn Karat aufm Kreuz, Kleinwagen am Finger
Paar Skandale hier, Erfolge da − alles wie immer
Ah, Fashion Nova Men bietet Co-ops an
Cruise rum mit mehr Ice als der Bofrost-Mann
Ich hab’ ein V. I. P. im V. I. P. vom V. I. P.​
Trinke Cristal und wünsch’ mir „Still D.R.E.“

28.07.2019

Navid Kermani zitiert Hölderlin

[…] Den Rest des Tages kommt er durch. „Weil ich zerstörbarer bin, als mancher andre“, schrieb Hölderlin 1798 im Brief an Neuffer, „so muß ich um so mehr den Dingen, die auch mich zerstörend wirken, einen Vorteil abzugewinnen suchen, ich muß sie nicht an sich, ich muß sie nur insofern nehmen, als sie meine wahrsten Leben dienlich sind, Ich muß sie w ich sie finde, schon zum voraus als unentbehrlichen Stoff nehmen, ohne den mein Innigstes sich niemals völlig darstellen wird. Ich muß sie in mich aufnehmen, um sie gelegentlich (als Künstler, wenn ich einmal Künstler seyn will und seyn soll) als Schatten zu meinem Lichte aufzustellen, um sie als untergeordnete Töne wiederzugeben, unter denen der Ton der Seele meiner Seele um so lebendiger hervorspringt.“ Was zerstört oder auch nur ablenkt sind keine untergeordneten Töne, sondern der eigentliche, unentbehrliche Stoff, weil das Reine – und hier bin ich zurück bei Hölderlin – „sich nur darstellen [kann] im Unreinen … Und so will ich mir immer sagen, wenn mir Gemeines in der Welt aufstößt: Du brauchst es ja so nothwendig, wie der Töpfer den Leimen, und darum nehm es immer auf und stoß es nicht von dir und scheue nicht dran. Das wäre das Resultat.“ Eine letzte Mail muß er beantworten, dann geht er joggen oder liest Hölderlin oder probt die Lesung oder tut sonst etwas von dem, was er tut, um etwas getan zu haben. […]

und ich verstehe ihn nicht ganz, aber ich erahne die Atmosphäre, den Affekt, der zum Ausdruck gebracht wird. Und die Zufriedenheit darüber hält über den Tee hinaus an, bis nach Hause und bis an den Laptop.

27.07.2019

Machtlosigkeit in Aktion verwandelt und zum Baumarkt geradelt. Der durchgerostete Schlauch, der die Toilettenspülung speist, tropft und muss ausgetauscht werden. Außerdem ist die Halterung des Schwimmkörpers aus der Position gebrochen und der Schlauch hindert den kleinen Hebel am Schwimmkörper manchmal daran zu stoppen, sodass es mitunter stundenlang vor sich hin plätschert. Zumindest das erste Problem kriege ich gelöst und versuche mich nach mindesten zwei Broten zu viel an einem halbherzigen Mittagsschlaf. Nach einem Eiskaffee und dann dem restlichen Vanilleeis direkt aus der Packung entscheide ich mich gegen den CSD und setze mich stattdessen mit Navid Kermani auf den Balkon. Ab drei hört man die Bässe auch bis hier. Irgendwann erinnert mich dann Twitter daran, dass ich mich für so wenig “Leistung” gar nicht schlecht fühlen muss, aber wirklich glauben kann ich es nicht. Ein wenig Yoga auf dem Balkon, als Ausgleich für die eingekauerten Lesemuskeln, bis die Mitbewohner sich in der Küche gegenseitig beweisen, wem es am egalsten ist, was es zum Abendessen gibt. Und dann, in einer Mischung aus rastloser Nutzlosigkeit und Hunger beginne ich auf dem Balkon herumzuwerkeln. Ein alter grummeliger Mann mit Besen, Gießkanne und Gartenschere bewaffnet. Viel zu spät ins Bett.

26.07.2019

Fazit – realities:united
Mädchen vor Vase mit Blumenzweigen, 1946 – Otto Herbig
Die Modellpause (Der Maler und seine Muse), 1932 – Conrad Felixmüller
A3 – Little Saigon

25.07.2019

Nach dem Vormittag (denn auch die gehören dazu) bleibe ich beim Arbeiten erstaunlich oft im Tab mit dem Tannhäuser Livestream hängen. Etwas neidisch, obwohl es im Festspielhaus 50 Grad sein müssten. Dann schreibe ich noch eine Nachricht, die mir wichtig genug ist, um keine Angst vor der Reaktion zu haben, freue mich über die Antwort und verführe die Mitbewohner zu einem frühabendlichen Ausflug in die Bar des Vertrauens. Um uns auf der Terrasse sitzen Dates und alte Bekannte, die sich viel zu erzählen haben, aber wir rekeln uns mit Büchern bewaffnet stumm und gelöst in der Abendsonne.