Ein Klischee von einem in die Jahre gekommenen, Frauen umwerbenden, „O Sole Mio“ singenden, italienischen Kellner mit Krawatte, gestärkter Schürze und Alleinunterhalteramibitionen.
Ich bestelle die Spargelpizza ohne zu lachen.
jeden Tag etwas aufschreiben
Ein Klischee von einem in die Jahre gekommenen, Frauen umwerbenden, „O Sole Mio“ singenden, italienischen Kellner mit Krawatte, gestärkter Schürze und Alleinunterhalteramibitionen.
Ich bestelle die Spargelpizza ohne zu lachen.
Auf dem Hof der Feuerwehr sitzt eine Gruppe Kindergartenkinder vor dem Leiterwagen und wartet gespannt darauf, dass sich der Korb in Bewegung setzt. Die Erzieherin läuft aufgeregt hin und her, aber die Kinder halten ganz still.
Vor mir an der Kasse drückt ein telefonierender Mann der Verkäuferin ein Bündel Geldscheine in die Hand, damit sie sich die 1.200 Euro selber abzählt. Er geht mit zwei riesigen Papiertüten. Ich habe für mein neues Hemd eine Fahrradtasche dabei und zahle mit Karte.
Von den Fenstern des Tanzstudios aus schaut man auf einen Friedhof. Die Bäume, Büsche und Wiesen sind maximal Frühlingsgrün. Lebendiger geht es kaum.
Kurz wegnicken in der Mittagssonne zwischen Spiel- und den Sportgeräten, mitten im Prenzlauer Berg, auf dem halben Weg zum Wochenende die Wanderung unterbrechen, mit einem Buch auf dem Bauch, mehr gut gemeines Alibi als dass ich wirklich darin vorankommen würde, aber zwei Seiten nach den Essensresten von gestern sind zwei Seiten mehr als sich direkt in die Bank sinken zu lassen.
Wir knüpfen einen Teppich, entwirren ein Knäuel, passen uns Bälle hin und her, ganz so sicher bin ich mir mit den Metaphern nicht, aber ich favorisiere die textilen und die prozessorientierten, damit keine heißen Schuldkartoffeln herumgereicht werden. Dann muss ich auch nicht sagen, dass ich eifersüchtig bin und auf wen, sondern kann sagen, dass in der Topografie des Gruppengefüges gerade an bestimmten Schnittstellen interessante Verdichtungen sichtbar werden, die da ein Thema aufmachen, zu dem ich ein paar Anknüpfungspunkte anbieten könnte.
Eine Geburtsankündigung per BeReal. Sehr real. Bei LinkedIn dann eine Todesmeldung von jemanden, den ich nie persönlich kennengelernt habe, aber dessen Stimme mir vertraut war. Sehr irreal.
Letztens habe ich auf Instagram unter einem schwarz-weiß Porträt den Kommentar gelesen: „Ihr könnt mich doch nicht so erschrecken!“. Er hatte mehrere hundert Likes. Und er hatte recht.
Die republikanische Partei und Amnesty International haben angefangen, in ihren Kampagnen computergenerierte Bilder von Schreckensszenarien zu verwenden. Die Gewerkschaft der Kriegsfotograf:innen ist entrüstet. Gerade wurde es wieder spannend.
Mai?
Mai!
M a i
1. Mai sogar
„Diese lauten Krawalldemos sind ja nichts für mich“, sage ich und angele mir ein Stück Sushi von der anderen Seite des Tischs, das mich besonders anlacht. „Der einzige Akt des Widerstands heute richtet sich gegen die Bettgehzeit“, füge ich hinzu und verlasse die Dachterrasse, um die Siebträgermaschine vorzuheizen.
„#hedonisticselfcare ist auch Widerstand“, ruft mir L. hinterher.
Soll mir recht sein.
Schlechte Witze bestraft der liebe Gott sofort. In der Nähe der Toiletten fragt uns eine Frau, ob wir MDMA haben, was mir um kurz vor 20 Uhr, bei einer Party, die um 19 Uhr angefangen hat, sehr engagiert vorkommt. Ich hatte erwartet, hier eigentlich eher Menschen zu treffen, die wie ich um spätestens Mitternacht wieder im Bett sein wollen.
„Ne, sorry“, antworte ich und sie verschwindet hinter der nächsten Ecke. „Und wenn, dann nicht für dich“, füge ich ironisch in Richtung meiner Gruppe hinzu und bereue es kurz darauf, weil wir dann auch um diese Ecke gehen und sie da noch steht, oder wieder, so genau ist das nicht zu sagen. Auf jeden Fall weiß ich nicht, ob sie mich noch gehört hat.
„Tut mir leid, weiß nicht, ob du noch gehört hast, was ich gerade noch gesagt habe, aber falls, dann war das nicht so gemeint. Das war eine Rolle. Keine Ahnung, warum ich die einnehmen musste. Aber ich habe auch wirklich nichts. Spätestens jetzt würde ich es dir aber wirklich geben. Also auch vorher, aber wie gesagt, ich hab ja gar nichts!“, denke ich, aber verschwinde, statt etwas zu sagen schnell in die entgegengesetzte Richtung.