Alles streichen. Präventiverholung. Unter näherer Betrachtung ist dann doch nichts wirklich dringend, auch wenn es die Liste glauben lassen will.
02.11.2022
Es schleicht sich etwas an. An den Nasenhaaren vorbei und in die Nebenhöhlen, in den Hals. Ein Kratzen, ein Hüsteln, ein Schniefen, ein Seufzen, ein müdes „ach weißt du was, ich glaube, ich lege mich noch mal hin“.
01.11.2022
Am Ende des Bewerbungsgesprächs war ein Glas Wasser umgekippt und während die anderen Personen nach einem Lappen und nach einem Team suchten, zu dem ich besser passen würde, saß ich ein paar Minuten alleine mit einer kleinen Pfütze im Raum. Auf der dunklen Oberfläche des Designertischs glänzte das Wasser im Abendlicht und weigerte sich, mehr zu sein als das.
Auf dem Heimweg können sich die Wolken nicht entscheiden, ob sie rosa oder orange leuchten wollen, und so teilt sich der Himmel einfach auf, der Tiergarten ist ein großes farbiges Durcheinander und ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren, um das Laub besser hören zu können. Unter den Bäumen ergibt alles viel mehr Sinn, aber traurig ist es auch.
31.10.2022
Ich kaufe mir einen großen Kürbis und versuche dabei nicht nach Halloween, sondern nach Einkochen auszusehen. Dafür stecke ich mir zwei Stangen Zimt hinter die Ohren und Sternanis ins Haar. Das sieht aber leider auch nach einer Verkleidung aus, weshalb ich sicherheitshalber noch mehrere Liter Essig mit aufs Band lege. Wenn ich mich verkleiden müsste, dann vielleicht als sexy Martin Luther, mit Samtbarett und nicht viel darunter, oder mit langer Robe und Netzstrumpfhosen, aber dieses Jahr bin ich nur zu einer St. Martin Party eingeladen. Wenn es weiter so warm bleibt, ist das mit dem halben Mantel kein Problem.
30.10.2022
Ich habe keine Lust, mich mit Mastodon zu beschäftigen, aber auf Twitter zu bleiben fühlt sich zunehmend nach Verrat an. Auf Tumblr und zwischen den Blogs war das Internet noch in Ordnung, sage ich laut, aber das ist natürlich Quatsch und wie zum Beweis stimmt mir niemand im Großraumabteil zu. Im November wird alles besser, mehr Sport, mehr Geld, mehr Tanzen, weniger Zucker und aufgeräumt wird auch – vielleicht auch das Internet. Alles muss raus. Ein Flohmarkt für Plattformen und veraltete Geschäftsmodelle und was nicht recycelt werden kann, kommt am Abend in die Feuertonne.
29.10.2022
- Die Sache mit den Reformationsbrötchen nachlesen.
- Bäume bestimmen, Fußballfans ausweichen und Giraffen zählen.
- Auf ein Kaffee-Fahrrad aufpassen.
- Das Essen vergessen (und in ein mittelmäßiges Restaurant flüchten).
- Den Albtraumvorhersager im Museum der bildenden Künste befragen.
- Applaudieren und Selfies machen.
- Mit frischem Schleim in der Tasche ins Gästebuch tippen.
- In den Osten zu den singenden Dinos wandern.
- Tortilla Chips mit Dip an der Straßenecke essen.
- Wieder applaudieren und wieder Selfies machen.
- Die Puppenspieler:innen nach ihrer Bettkantentauglichkeit sortieren.
- Auf die Tram mit dem kaputten Ticketautomaten wetten.
28.10.2022
Nach dem Stück kommen die neun Schauspielstudierenden ins Foyer zum Nachgespräch. Der Dramaturg sagt, dass es nur stattfindet, wenn mehr Leute dableiben als auf dem Podium sitzen, weshalb ein Paar dann doch bleibt. Niemand hat eine Frage, aber weil die Schauspieler:innen eh noch warmgeredet sind, sprechen sie einfach weiter. Über die Stimmung heute, über wer wen repräsentieren darf und kann und wie sich das anfühlt und über die Überforderung sich in einem Text zurechtzufinden, der unmöglich sein will. Als ich bereits ein zweites Mal heimlich auf die Uhr gesehen habe, gibt es dann doch einen Kommentar aus dem Publikum. Ein erschreckend junger Mann hat jetzt auch etwas zum Thema kulturelle Aneignung zu sagen, aber es ist schnell deutlich, dass er das Problem nicht wirklich verstanden hat. Der Rest des Raums eignet sich stumm darauf, den Kommentar zu ignorieren und zu lächeln. Ein Schauspieler sagt als Erwiderung etwas mittelmäßig lustiges, der Moderator scherzt, dass das ja vielleicht ein Schlusswort sein könne und ich beginne zu klatschen. Alle klatschen erleichtert mit.