Hinter mir steht eine Frau Schlange, um auch aus diesem Winkel zwischen den Büschen ein Bild von diesem einen Baum zu machen, der da am Rande des Hansaviertels herbstlich im Abendlicht leuchtet. Sie hat einen österreichischen Akzent, so viel erkenne ich, und weil ich sie mir als Wienerin vorstelle, bin ich ein bisschen stolz, dass Berlin auch solche hübschen Ansichten zu bieten hat. Inzwischen ist der Baum ganz rot geworden. Auch er ist es eher gewohnt, dass die Häuser fotografiert werden. Nur im Frühjahr und jetzt im Herbst stiehlt er dem Beton die Show. Eigentlich vorhersehbar, aber es ist jedes Mal neu aufregend.
12.10.2022
[…] Am Ende der Sitzung geht es dann um kreativen Ausdruck, Loslassen und die Wahl des Mediums oder eher wie das Medium auswählt. Für die eine ist es Lehm oder Ton, der die Hände umschließt, – wenn sie es zulässt – und feuchte Spuren hinterlässt. Für den anderen ein Baumstumpf aus dem Wald, dem er mit präziser Kraft eine Form abringt, um festzustellen, dass das Holz viel weicher und beweglicher ist, als er es mit den Werkzeugen behandeln wollte. Und ich bin mir gar nicht so sicher, steckte im Text zu sehr im Handwerk und denke an den Ton, den ich unabsichtlich beim Staubwischen auf den Tasten des Klaviers auslöse oder das Schnarren der Gitarrensaiten, als ich mein Unterhemd vom Bett in Richtung Wäscheberg werfe und knapp verfehle.
11.10.2022
Ich kann Deutsch, Englisch, mit dem linken Ohr wackeln, freihändig Fahrrad fahren und überkompensieren, wenn es darum geht, die Abhängigkeit vor nähegefährdenden Stressmomenten nach unabsichtlichen Verletzungen durch theoretische und emotionale Vorbereitung zu sichern, aber ich bin mir nie sicher, in welche Spalte des Lebenslaufs das gehört. Ich tendiere zu Arbeitserfahrung.
10.10.2022
Ich mag meinen Zahnarzt. Die Mitarbeiterinnen in seiner Praxis nicht so sehr, aber das ist eine andere Geschichte. Heute war ich sein erster Patient nach der Mittagspause. Das weiß ich, weil er mir die Tür aufschließen musste. Schon da bemerkte ich, was mich einige Minuten später vor Angst erstarren ließ. In diesem Moment hätte ich eigentlich bereits eingreifen müssen.
Dass mein Zahnarzt seine Maske nicht ganz über die Nase gezogen hatte, darüber hätte ich ja vielleicht noch hinwegsehen können, aber nicht über den Popel, der an seiner Nasenspitze hing. Mein Instinkt in solchen Situationen ist normalerweise höflich wegzusehen, was hier natürlich nicht weit genug gedacht war. Meine Verdrängungsleistung rächte sich umgehend. Als er sich über meinen weit geöffneten Mund beugte, war es bereits zu spät, um aus der Sache wieder herauszukommen, ohne dass es für uns beide unangenehm werden würde. Nervös starrte ich auf den Popel und hoffte auf seine Klebkraft. Ich glaube, meine Zähne sind in Ordnung, aber ich habe nicht zugehört.
09.10.2022
sozialverkatert und vollmondschwellentrunken
widerstandsgelockert offenen Auges in den blockadekreisel
und dann innerlich trotzend, äußerlich geknickt
wieder hinaus durch die scherben
ganz vorsichtig, sehr richtig so
aber jetzt halt auch zu spät
08.10.2022
Das Geburtstagskind hat sich gewünscht, dass wir zu einer 90er-Party gehen. Wer will da widersprechen. Am Eingang gibt es Knicklichter und „Original Süßigkeiten der 90er“, aber dafür ist das MAOAM noch erstaunlich einfach zu kauen. Der DJ ist ebenfalls ein Original, denn er war mal Moderator auf VIVA und ist hier für die gute Laune zuständig. Bei dieser Musik geht es nicht um gute Übergänge, sondern um Textsicherheit und das Kreischen bei den ersten Takten. Erst wundere ich mich, warum es auf der Tanzfläche so hell ist, aber dann verstehe ich: Nach dem Kreischen ist vor dem nächsten Foto.
07.10.2022
Ich habe Tickets für eine Biodiversitätsshow gewonnen, was nichts anders ist als ein moderner Diavortrag mit hochauflösenden Videos und elektronischer Livemusik, aber es scheint zu funktionieren, denn die Frau aus der Senatsverwaltung sagt, dass sie selten so ein junges Publikum in diesem Saal gesehen hat. Das heißt, durchschnittlich unter 40 – fehlen also nur noch die 47 Millionen Deutschen, die älter sind.
Die Show ist so aufgebaut, dass sich beeindruckende Bilder und Fakten mit Schreckensmeldungen und Musikpassagen abwechseln. „Jetzt genießen wir zum nächsten Stück aber erst mal die wunderbare Welt der Vögel“, sagt sich so einfach, aber wenn ich in Gedanken noch bei Versiegelung, Ackergiften und dem Insektensterben bin, sehe ich in der Schönheit nur den Verlust. Das ist die wichtigste Lektion und die gibt es gleich am Anfang: Biodiversität ungleich Artenvielfalt, aber mit beidem sieht es sehr schlecht aus. Im Laufe des Abends knibbel ich mir die Haut neben den Fingernägeln blutig, als würde das irgendetwas daran ändern.