Die Zahl der Arbeitssuchenden, die sich auf LinkedIn als „Storyteller“ bezeichnen, stieg von keinem einzigen im Jahr 2011 auf eine halbe Million im Jahr 2017. Mittlerweile sind es noch mehr und auf TikTok haben alle „main character energy“. Aber lange wird das nicht mehr halten. Wenn in den nächsten Jahren das Internet mit Texten, Audios und Videos überflutet wird, bei denen wir nicht mehr wissen, ob sie von einem Menschen stammen, müssen andere Arten der Präsentation herhalten, um sich von den Maschinen abzugrenzen. Nachdem das Geschichtenerzählen für SEO-Zwecke komplett wegautomatisiert wurde, sprechen wir wie Teenager miteinander, die jeden zweiten Tag ihre Sprache umwälzen. Vielleicht in Reimen oder möglichst weit weg von der Schriftsprache, ganz zwischen den Geräuschen der Stimme.
03.01.2023
Weil wir noch Zeit haben, bis wir zum Restaurant aufbrechen müssen, aber nicht wirklich Lust haben vom Sofa aufzustehen, spielen wir noch zwei Spiele. Erst zeige ich meiner Schwester Semantle, wo es darum geht durch unendlich viele Versuche ein Wort anhand semantischer Ähnlichkeit zu anderen Worten zu finden. Anders als bei Wordle sind die Buchstaben also egal, es zählt nur die Bedeutung, beziehungsweise was der Datensatz aus der Wikipedia für inhaltliche Verwandtschaft hält. Das klingt komplizierter als es ist. Wenn „Arm“ das gesuchte Wort ist, dann hat „Bein“ einen höheren Ähnlichkeitswert als „Ellenbogen“, weil „Arm“ und „Bein“ in Texten öfter zusammen verwendet werden als „Arm“ und „Ellenbogen“.
Dann zeigt meine Schwester mir noch ein Spiel, bei dem wir die Länder Afrikas richtig identifizieren müssen. Wir liegen bei 75 % korrekt, was ungefähr der großen Wandkarte im indischen Restaurant entspricht, auf der die verschiedenen Filialen weltweit eingezeichnet sind. Der Pfeil für Schweden zeigt auf Finnland, der für die Niederlande auf Dänemark und die Schweiz ist nach Österreich verrutscht. Naja, alles Europa. Für Semantle ähnlich genug.
02.01.2023
So viel war heute gar nicht, aber dann doch genug, dass wir nach dem Abendessen alle müde Dasitzen und uns gegenseitig versichern, dass es voll in Ordnung sei, jetzt schon ins Bett zu gehen. Die letzten Nächte sei es ja immer spät geworden und der erste Montag des Jahres wäre ja auch kein Zuckerschlecken, auch wenn an dem Tag gar nicht so viel passiere, aber allein die Last, die sich dahinter auftürme, die Vorordnung der Vordinge trage bereits ihr mögliches Gewicht, das sei nicht zu vernachlässigen, also ich würde dann jetzt mal Zähneputzen gehen. Alle nicken, aber niemand hat zugehört.
01.01.2023
„Wenn wir es heute vor dem Sonnenuntergang¹ noch mal raus schaffen, dann haben wir schon viel geschafft und es wird ein gutes Jahr.“
¹ Die Dämmerung zählt auch noch!
31.12.2022
Als wir zur Party aufbrechen, ist es schon eine ganze Weile der erste Januar, aber Tage werden hier nach dem Schlafengehen gezählt. Vor drei trauen wir uns in diesem Teil der Stadt eh nicht, das Haus zu verlassen. Die anderen wollen auch nicht hören, was ich aus dem Liveticker der Lokalpresse vorzulesen habe. Na gut, ich sage Bescheid, sobald wir das Taxi bestellen können.
Das Motto der Party ist Syltvester und es ist schwer zu erkennen, wer ein Kostüm trägt und wer nicht. In der Aussage steckt irgendwo eine schlaue Gegenwartsanalyse über Klassenverständnisse und Abstiegsängste, aber in der U-Bahn nach Hause bekomme ich das nicht mehr verständlich zusammen.
30.12.2022
Raunachtsabend. Wir zeigen Fotos aus dem letzten Jahr und errechnen unsere Tarotkarte für das nächste Jahr. Nach dem Gehängten folgt für mich der Tod, der aber nie einen wirklichen Todesfall meint, wie mir versichert wird. Das macht es aber auch nicht viel besser. Es gibt bessere Karten. Dann schreiben wir zwölf Wünsche auf und verbrennen elf. Um die kümmert sich das Universum. Für den Wunsch, der übrig bleibt, sind wir selber verantwortlich. Ich muss mir mehr Zeit für Handschriftliches einräumen, also Mußezeit statt TikTok priorisieren. Ab übermorgen dann, wie mit dem Zucker, denke ich und nehme mir noch ein Stück Schokokuchen.
29.12.2022
„Jetzt habe ich Angst, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, weil meine Familie so crazy ist und das ja auch in mir steckt, und vielleicht werde auch ich ganz sonderbar und entwickle seltsame Macken und stifte Chaos, um Aufmerksamkeit zu bekommen und versorgt zu werden, ich traue mich ja schon gar nicht mal mehr dich anzuschauen, wenn ich von den Tagen vorher erzähle, so unangenehm ist mir das, denn als du da warst, da haben sich alle bemüht, glaub mir, das ist sonst nicht so.“
„Also ich fand’s sehr schön.“