Wie die Nachbarn sicher an der Musikauswahl bemerkt haben, bin ich heute alleine im Homeworking Wohnzimmer. Lofi hiphop study beats sind heute verboten und Slayer und die Matthäus-Passion sind auch nur beim ersten Hinhören ein Widerspruch. Beides ist Musik zum Hände in den Himmel werfen. Bach hätte heute auch für Verstärker komponiert. Für die Bodenhaftung zwischdurch eine Prise Hildegard Knef und dann wieder Bass.
07.04.2022
„Klingt halb so, als ob die Entscheidung schon gefallen ist.“
„Vielleicht, aber vom Bauch ist der Weg zu Mund auch weiter als vom Hirn. Das braucht vielleicht noch etwas. Außerdem gibt es ja einen Unterschied zwischen kurzfristiger und langfristiger Vernunft und unter Druck ist es halt schwieriger, nicht nur auf den Boden vor den Füßen zu starren.“
„Hast du das wirklich so gesagt?“
„Natürlich nicht.“
06.04.2022
Mit zwei davon kann und will ich kein Geld verdienen, also Schreiben Weiterschreiben. Zustimmung von der anderen Seite des Raums. Zurück in den Text mit der Lücke. Als ich ihn nach zu vielen Wochen mehr frustriert als zufrieden für fertig erklärt hatte, klaffte darin ein Loch. Beim Versuch den Text zu übersetzen, kollabierte er schließlich völlig. Alles stand da, aber es bedeutete nichts mehr. Die Sprache hatte zusammengehalten und versteckt, was ich schamvoll ausgelassen hatte, um zu gefallen. Aber jetzt, da ich die Umrisse des Lochs mit Tränen vermessen habe, ist die Frage ist nicht mehr was fehlt, sondern welchen Platz und welche Form es bekommen soll. (Es macht wieder Spaß.)
05.04.2022
Worte finden,
mit dem Körper Bilder in den Raum schneiden
und gemeinsam einschlafen.
Das reicht nicht.
04.04.2022
„So, you’re writing. You make a pass at capturing something. It’s too fast for you, the world doesn’t cooperate, but you get something. You follow things around, backing up at the hint of a precision, muscling your way in. You see how much you can’t catch, especially now that you’re onto a composition of your own. You need another detail, you get rid of a container concept that doesn’t work. Writing’s accordion mechanics of expansion and contraction changes the environment of a concept. Thought becomes a little surprised to latch on to something, to arrive somewhere, still looking around. It turns to what could happen, not what seven things make this scene a clog in some big picture or a chutes-and-ladders shortcut right into its dangerous fantasy.“
Katie Stewart: Everything Initiates
03.04.2022
Im Villenviertel glänzt selbst das Gefieder der Amseln edler. Vornehm verhaltenes Zwitschern von oben herab. Ich richte meine Mütze, zupfe am Schal und grüße zurück. Der Rucksack verrät mich, aber die Haltung stimmt.
02.04.2022
Ein Video in der Ausstellung ist aus Aufnahmen aus der Ukraine seit der Besetzung der Krim zusammengeschnitten: Interviews, Naziaufmärsche, brennende Kirchen, Polizeigewalt, Bilder von Überwachungskameras, Militär, Schlägereien, Explosionen usw. Drei Szenen lassen mich nicht mehr los. Die erste ist aus der Windschutzscheibe eines langsam fahrenden Autos gefilmt. Am Rand der Straße stehen und knien Menschen, Schüler werfen Blumen vor das Auto. Irgendwann fängt jemand nicht sichtbar im Auto an zu schluchzen und eine andere Stimme spricht auf ihn ein. In der zweiten ist u.a. ein junger orthodoxer Priester zu sehen. Mit dem Rücken zur Wand und angsterfüllt beantwortet er Fragen zu seiner Homosexualität und warum er sich für diesen Tag online mit einem 14-jährigen Jungen verabredet hat. Die dritte Szene besteht aus vier Videos, die nebeneinander montiert sind. In zwei davon ist Feuerwerk zu sehen, in den anderen beiden Luftangriffe und Raketenbeschuss.
Nach 40 Minuten und dem Abspann habe ich genug. Auf einen der Wegweiser im Park hat jemand einen glitzernden Sticker geklebt, auf dem „Frieden“ steht, aber kaum bin ich wieder zu Hause beginnen sich auf Twitter die Bilder und Videos aus den Dörfern zu verbreiten, aus denen sich die russischen Truppen um Kiew wieder zurückgezogen haben. Auch hier Triggerwarnungen, die ich ignoriere.