Übertopfbeschlüsse (zum Trotze)
28.03.2022
„Sorry, what’s your name again?“
„Freerk“
„Frer‘?“
„F r two e r k“
„Ah, wow, i never heard that name before. What does it mean?“
„It means the one who jumps over his shadow, faces his fears, overcomes his instincts, embraces his failures; the one who still gives his best during the choreography, even if he couldn’t attend the first two hours of class; the one who goes out for a beer with the group afterwards, even though he doesn’t know anyone; the name of a warrior of a new kind of masculinity, of playful courage and gentle strength.“
„Ah, so it’s not a commen german name?“
„Not really. Where do you come from?“
27.03.2022
Die Gruppe verdauen, Nähe tanken, Pizza belegen, Falafel essen, in der Sonne sitzen, den Mantel abklopfen und schauen, ob noch Wiese dran hängt, die Ärmel hochkrempeln, noch ein Kapitel vorlesen, nur noch Zähne putzen und ins Bett, aber vom Sofa ist das so ein weiter Weg und dein Schoß tut es doch auch.
26.03.2022
Ich stelle das alte Fahrrad, das jetzt schon fast zwei Jahre ungenutzt im Hof steht und ich keinen Gästen guten Gewissens mehr anbieten kann, auf Ebay Kleinanzeigen. Rost und Dreck starren mich jetzt schon lange genug vorwurfsvoll an:
Fahrrad (Zustand: schlecht) zum Ausschlachten geeignet und gegen einen Symbolpreis von 5 Euro abzuholen.
Innerhalb von drei Minuten bekomme ich sechs Anfragen. Erst überlege ich, das Fahrrad in einer Woche noch mal für einen viel zu hohen Preis einzustellen, um mich dann langsam einem realistischeren Preis entgegenzuarbeiten, aber dann sage ich doch der ersten Person zu, die mir mit einem vollständigen Satz schreibt. Natürlich könnte das ein gewiefter Ersatzteilhändler sein, der daraus Profit schlägt und kein liebevoller Hobbyschrauber, aber auch der freut sich über ein Schnäppchen. Wenn ich 50-Cent-Stücke im Einkaufswagen lasse, dann weiß ich ja auch nicht, ob sich die nächste Person wirklich darüber freut und trotzdem mache ich es.
25.03.2022
Beim Klimastreik fühle ich mich kurz so alt wie die Opas, die tapfer weiter am Straßenrand ihre sozialistischen Zeitschriften verteilen. Die 20-Jährigen in unserer Gruppe beschweren sich nämlich, dass die 30-Jährigen so langsam sind, das Lastenrad mit der DJ-Kanzel sei ja viel weiter vorne, aber hinter dem lässt es sich so schlecht vom Urlaub erzählen. Der war zwar in Sri Lanka und nicht an der Ostsee, aber so ein Ashram ist eben die kinderfreundliche Frühstückspension unserer Generation und ich lasse mir die praktischen Details genau erklären.
„Ich war einfach nur ein Öko-Loser, aber die haben jetzt wenigstens freitags etwas, wo sie sich cool und wichtig fühlen können, bis sie ihr erstes Mal haben.“, sagt H. und zeigt mir dann Fotos von einem toten Elefanten direkt neben einem Schild, dass Lokführer auf Elefanten hinweisen soll. Das irritiert mich beides ein bisschen, aber ich muss ihm recht geben. „Hältst du die Pappe als politische Geste hoch, oder als Sonnenschutz?“, fragt R. – „Das verrate ich nicht.“
24.03.2022
Mein erster Spaziergang ohne Unterhemd dieses Jahr. Jeder Meter sonnige Spreekante ist besetzt und an der Spielplatzrutsche hat sich eine Schlange gebildet. Zwischen Sonnencreme und Bierflaschen gibt es aber auch noch Spaziergänger:innen mit Mütze und Schal. Warum kommt so was eigentlich nicht im Wetterbericht vor? Morgen mit Spitzentemperaturen bis 16 Grad und Osterglocken, die sich auf den kargen, platt gelaufenen Parkwiesen in Richtung Abendsonne recken. Kaum Wolken, aber der Wind in manchen Schatten erinnert an den März. Das waren die Nachrichten, gute Nacht.
23.03.2022
Navid Kermani erklärt seiner Tochter Gott, im ZEIT Gegenwartspodcast geht es um Yoga und andere spirituelle Angebote, bei denen die Geschichte von Autorität, Gewalt und Säuberung nicht die eigene ist, und ich werde ein bisschen neidisch. Transzendenzneid. Aber gleichzeitig sehe ich, wie sich ehemalige Kommiliton:innen, die ich als Aktivist:innen kennengelernt habe, in sektenartigen Gemeinschaften zurückziehen und hinter hohen Gartenmauer nur noch spirituelle Innenpolitik machen. Einladungen zu Tee-Zeremonien und Achtsamkeitsmeditationen gehen raus, aber keine schlechten Nachrichten aus der Welt dürfen rein. Das Wort Balanceakt klingt schön, vermittelt aber eine völlig falsche Vorstellung davon, wie viel Gewackel und wie viele Stürze dem Tanz auf dem Seil vorangehen.