24.02.2022

Ich wache auf und es ist Krieg in Europa, zwei Länder weiter, was klingt, als würde ich mit dem Elektriker telefonieren: „Nein, die Tür am Tor, links daneben und da dann auf der rechten Seite ist die Klingel für das Quergebäude.“ Nächste Woche kommt er mit dem Ersatzteil wieder.

Mittags bin ich beim Vorgespräch für eine Gruppentherapie. Die würde mindestens zwei Jahre dauern, die Hausverwaltung kann eben nicht alle Probleme lösen, was aber vielleicht auch ganz gut ist, denn gleichzeitig fühlt sie sich auch ein bisschen nach Russland an: mächtig lauernd und Besänftigung funktioniert nicht, aber solche Vergleiche altern schlecht.

23.02.2022

Fahrradketten wechseln, Masken vergessen, Sorgen machen und spazieren gehen kann ich alles, aber immer mit dem leisen, bohrenden Zweifel, vielleicht eine Kleinigkeit völlig falsch zu machen, die allen anderen offensichtlich ist und die jeden Moment auffliegen könnte. So vergisst man doch nicht seine Maske! Gehst du schon immer so spazieren? Heftig.

22.02.2022

Auf dem Rückweg vom Tanzen sickerte der Regen und die Musik durch mich hindurch. Erschöpftes trampeln unter Wasser. Und auch die Kette, die auf dem Hinweg noch alle paar hundert Meter herausgesprungen war, hing hungrig und schwer. Die neue liegt ja schon bereit; sobald die Sonne scheint; keine Sorge; tat sie heute ja auch, sprach ich ihr gut zu und sie ratterte jaja.

21.02.2022

Rassismusgeständnis aus der Ausstellung über die indigene Filmemacherin Alanis Obomsawin: Ich hatte mehr Ethnomystizismus und weniger Aktivismus erwartet. Jetzt ist es raus. Die politischen Kämpfe passten nicht zu meinen Idealen von Ursprünglichkeitsromantik. Die bemerkte ich schon ein paar Tage vorher mal wieder, weil mir eine Liste mit Fragen untergekommen war, die abfragt, wie gut man den Ort kennt, an dem man lebt. Dass ich bei Ort erst an die Stadt, also die Verwaltungsgeografie dachte, ist genau worauf der Fragebogen von 1981 aufmerksam machen wollte: Weißt du welchen Weg dein Trinkwasser nimmt? Welch essbaren Pflanzen hier wachsen? Welche Blumen als erstes im Frühling blühen? Aus welcher Richtung die meisten Stürme aufziehen? Und so weiter. Wenn ich nur das wüsste, dann wäre ich auch wieder näher an der Welt und nicht so entfremdet vom großen Ganzen, so die Erzählung. Und es ist natürlich nicht ganz falsch, aber fehlen die Barrikaden, die Gerichtsverhandlungen und die Müllabfuhr.

20.02.2022

Im Futurium kann man Zukunftsvisionen erleben, aber für die Schließfächer neben den Toiletten braucht man fünfzig Cent oder einen Euro, was die asiatischen Touristinnen neben uns vor große Schwierigkeiten stellte.

Weil es in der Umgebung kaum Cafés gibt, deren Inneneinrichtung und Geschäftsmodell nicht auf teuren Lunch-Break-Sandwiches und Smoothies basiert, setzen wir uns nach dem Museum in den Hauptbahnhof. Nur hier bekommt man am gleichen Tisch aufgewärmte Pizza, Käsekuchen und eine Ingwer-Kurkuma-Latte.

Beim Spaziergang Richtung S-Bahn bekomme ich die Umbaumaßnahmen im Zoo erklärt. Die Vortragende ist zehn, hat eine Dauerkarte und meine Zwischenfragen werden von ihr toleriert, weil ich offensichtlich noch sehr viel zu lernen habe.

19.02.2022

Zwei Tage bis Bewerbungsschluss und ich hadere. Das Themenumfeld geht in die richtige Richtung, ich stelle mir die Menschen nicht unangenehm vor und ich würde bestimmt auch gutes zwischenmenschliches und administratives Handwerkszeug lernen, also eben das, was learning-by-doing Selbermachen wie mir oft fehlt, obwohl das so theoretisch weit weg anfühlt wie das Konzept der Note, die mit ins Abi eingeht. Aber dann? Wohin damit? Verschiebt sich das Problem des festfahrenden Lebenslaufs nicht nur? „You need to date your career choices not marry them“, klingt mir noch um Kopf nach und trotzdem gruselt es mich. Nicht wie beim „Gehe dahin, wo die Angst ist“, dass ich so gerne predige, sondern irgendwie dunkler. Nur sind die meisten dunklen Gassen eben harmlos, aber wie soll ich darüber nachdenken, wenn ich konstant angeschrien werde: „Glaubst du etwa, du bist zu gut oder besonders, um dort entlang zu gehen?“, höre ich die Stimmen. „Bist du einer von den Versagern, mit aufgeblähtem Wohlstands-Ego, der tatenlos ausharrt und in grandiosen Tagträumen schwelgt, anstatt sich wie alle anderen die Hände schmutzig zu machen und der irgendwann, als Enttäuschung für sich und seine Mitmenschen verbittert auf seine verschwendete Lebenszeit zurückblickt?“

Ich komme im Laufe des Vormittags immer wieder zur Stellenanzeige zurück. Zwischendurch baue ich meinen Rasierkopf auseinander, bestelle einen neuen, verabrede ein Kennenlerngespräch mit einer Therapeutin, beantworte ein paar Nachrichten, buche neue Tanzkurse, und feile meine Nägel. Dann packe ich zusammen und gehe Joggen. Am Abend entdecke ich mich immer noch da, wo ich mich stehengelassen habe, enttäuscht und verängstigt, zurückgelassen worden zu sein.

18.02.2022

An der Kasse des zweiten Second Hand Ladens merke ich, dass ich die Tasche mit dem Geld in der Umkleide des ersten vergessen habe. Mit Rückenwind vom Sturmtief eile ich zurück, aber kein Grund zur Panik, alles hängt noch unberührt am Haken. Dann überlege ich, ob ich noch Lotto spielen soll. Freitags ist Eurojackpot, aber das ist eine Frage des Glückskonzepts. Handelt es sich bei Glück um eine Ressource mit Tagesration, könnte sie schon aufgebraucht sein, als Energie mit Mondphasenbonus wäre es eine Schande, sie nicht zu nutzen und als Unfähigkeit des Hirns mit Stress und Wahrscheinlichkeiten umzugehen, wäre es schlauer, die zwei Euro fünfzig einfach direkt in Zucker zu investieren. Ich entscheide mich für eine Kombination und greife blind in den Kühlschrank und die Süßigkeitenauslage. Fritz Cola und Centerschocks.