Ich verzeihe dem Toast und dem abgebrochenen Schlüssel im Fahrradschloss. Ich schwebe einen Zentimeter über dem Boden und dufte nach Lavendel, Hopfen, Baldrian, Melisse, Passionsblume und Johanniskraut, denn Google sagt, das sind alles beruhigende Kräuter. Meine Haare sind nicht nur blond, sie leuchten in goldener Sanftmut. Und das erstaunlich ist, das meine ich sogar nur ein kleines bisschen ironisch.
01.02.2021
Morgens: „Ok, ich darf mir montags nicht zu viel vornehmen, sonst hänge ich am Dienstag durch. Das kenne ich schon. Kleinvieh macht auch Mist und wenn ich ehrlich zu mir bin, muss auch nicht alles davon heute erledigt werden. Es wäre schön, aber niemand stirbt, wenn nicht.“
Nachmittags: „Na gut, die drei Sachen kann ich auch über die Woche verteilen, dann habe ich nach dem Abendessen nicht mehr so viel zu tun, sondern kann zur Ruhe kommen.“
Am späten Abend: „Verdammte Dreckskacke. Zu viel vorgenommen und es hat sich nicht mal gelohnt. Ich müsste jetzt schlafen gehen, bin auch müde, aber dann gebe ich dem Tag gegenüber auf.“
31.01.2021
Slalomjoggen im verschneiten Tiergarten. Auf den Wegen weichen wir den Spaziergängern aus und auf den Wiesen den aufgetürmten Schneewesen. Winterzauber und „Natur“ zum Anstellen, aber wir nehmen, was wir kriegen können.
30.01.2021
Ausflug durch den tiefen Schnee zum Biosupermarkt. Reicht dann auch.
28.01.2021
Direkt noch ein Seminar. Dieses Mal aber ein echtes. „Finanzen planen und verstehen“ heißt es, und wir mussten unterschreiben, dass wir kurz davor stehen, irgendwas zu gründen, damit die Universität behaupten kann, dass ihre Absolvent:innen nicht direkt in die Sozialsysteme abwandern. Am schwersten fällt es den Teilnehmer:innen zu verstehen, dass im Diagramm der Dozentin mit „Zielgruppe“ nicht ihre Zielgruppe gemeint ist, sondern diejenigen, von denen das Geld kommt. Der Grund des Tuns ist also nicht der Zweck der Unternehmung. Davor sträubt sich der Kopf, denn wenn das Tun durchs Ich geht, dann ist diese Vorstellung mitunter nur schmerzhaft zu verkraften.
27.01.2021
Knapp ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie bin ich zum ersten Mal in einem virtuellen Seminarkontext. Ich war bei zahlreichen Besprechungen und Partys, aber dies ist das erste Mal, dass ich mich mit anderen treffe, um einen Text zu besprechen und danach den Autor zu befragen. Bevor der sich in der zweiten Stunde zuschaltet, hören wir noch gemeinsam eine Audiobotschaft, die er für uns als Ergänzung zum Text aufgenommen hat – mein erstes virtuelles Public Listening. Die Audiobotschaft ist hörbar nicht zum gemeinsamen Hören aufgenommen worden, sondern adressiert uns als einzelne Hörer:innen. Da schalten einige plötzlich ihr Video aus. Das Gesicht zu zeigen, wie es einer privaten Stimme aus dem Nichts zuhört, ist dann doch zu intim.