06.03.2020

Im Plattdeutsch-Hochdeutschen Wörterbuch für Ostfriesland werde 15 verschiedene Redensarten aufgezählt um zu sagen, dass jemand gestorben ist. „He is inslapen“, „na de Boomkes“ oder „benede gahn“, „he hett de Lepel bisied leggt“, oder „vergeten Aam to halen“, aber am schönsten finde ich „he is ut de Tied fallen“ und „ut de Tied raakt“. – Aus der Zeit zu fallen, zu sinken, davon nicht mehr betroffen zu sein. Das klingt nach der Welt vor der Industrialisierung, vor der Erfindung von Freizeit, Pünktlichkeit und Zeitmanagement. Nach einer Lebensart, die Spuren in der Sprache hinterlassen hat und hoffnungslos von mir romantisiert eher von den Versäumnissen der Gegenwart erzählt. Zeit ist nicht etwas, das man hat, sondern in dem und mit dem man sich bewegt. Zu Sterben heißt aus dem Fluss zu steigen, während wir anderen weiter treiben.

In jedem Dorf wird ein bisschen anderes Platt gesprochen und ich weiß nicht, ob mein Opa so etwas jemals gesagt hätte, aber ich hoffe, dass er am Ufer ein schönes Plätzchen gefunden hat.

05.03.2020

Auf der Baustelle gegenüber stopft ein Mann zum dritten Mal innerhalb weniger Tage dasselbe Loch in der Fassadendämmung. Eine Krähe meint es ernst, aber er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und schiebt sich jedes Mal aufs Neue langsam das Gerüst herauf. Auf der Hälfte jeder Leiter macht er eine kleine Pause um zu Verschnaufen. Oben angekommen wartet auf ihn eine Zigarette.

04.03.2020

Bücher zurückbringen, weil man sich nur eine begrenzte Zeit lang vormachen kann, dass man sie noch lesen wird. Und wenn dann im Bibliothekskonto steht, das jemand eins der Bücher vorbestellt hat, dann wäre es unfair, sie ungenutzt auf dem Schreibtisch liegenzulassen, wo sich einen vorwurfsvoll anstarren und Platz wegnehmen.

Auf dem Rückweg dann in der Universität vorbeifahren, wo der frisch emeritierte Professor in seinem Büro beaufsichtigt wie seine Regale von Student:innen geplündert werden und mit doppelt so vielen Bücher wieder nach Hause kommen. Genauso kostbar wie die Erstausgaben sind die Zettel, Anstreichungen und Notizen zwischen den Seiten.

03.03.2020

Was ich heute gelernt habe, während ich mich von der Grenzen auf! Leben retten! Demo auf dem Küchensofa erholt habe: Die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken hat nicht mit der Anzahl der Zellen im Körper zu tun. Elefanten haben nicht häufiger Krebs als Mäuse und sogar seltener als Menschen. Dabei haben große Tiere viel mehr Zellen die mutieren könnten und leben meistens auch deutlich länger als kleine. Das Phänomen nennt man auch Petos Parodoxon.

02.03.2020

Irgendwas mit Fehlern, die sich immer wiederholen.

01.03.2020

Einige Kilometer auf dem Fahrrad heruntergerissen – Friedrichshain, Kreuzberg, Moabit, Peng, Peng – und dann erst gewundert, dass man zielstrebige, lustlose Tätigkeiten so nennt, aber Tapeten reißen verliert bestimmt auch schnell seinen Reiz und dann hat alles wieder gepasst und die Ampel wurde grün und der 400 PS Motor hat aufgeheult und ich halte das Lenkrad immer extra so, dass man meine Uhr vom Bürgersteig aus sehen kann, Iced-Out versteht sich.

29.02.2020

Als ich über die Brücke jogge, kommt mir barfuß, in Boxershorts und T-Shirt ein junger Mann entgegen. Er grinst mich offensichtlich mit sich, der Sonne und meiner Verwunderung zufrieden an. Als ich mich hundert Meter weiter noch mal nach ihm umdrehe, balanciert er oberkörperfrei auf dem Geländer der Brücke und macht dann einen Salto rückwärts in die Spree. Ein Fahrradfahrer hält an, winkt ihm dann aber lachend zu. Doch nur einfach ein krasser Typ.