31.10.2019

Drei Überwindungen, etwa so groß wie ein mittleres Hochgebirge mit abschmelzenden Gletschern, bei vergleichbaren Außentemperaturen trotz Sonnenschein:

1. Schreibend um Hilfe fragen.

Das Schwierige ist sprachlich die richtige Mischung aus Coolness und Dringlichkeit zu treffen. Es muss locker klingen (eigentlich brauche ich ja keine Hilfe), aber trotzdem bemüht (bitte warte mit deiner Antwort nicht zu lange). Dazu zur Auflockerung noch ein paar selbst abwertende Scherze, mit denen die Peinlichkeit einfach auf die Metaebene gehoben wird und am Schluss noch ein paar Emojis. Der Affe, der sich die Augen zuhält, und ein breites Lachen. Namen austauschen und zur Sicherheit an zwei Personen schicken.

2. Anrufen.

Nummer suchen. Tee kochen. Fragen aufschreiben. Auf Klo gehen. Prüfungsordnung erneut durchlesen und anstreichen. Fragen kontrollieren. Durch Twitter scrollen. Nochmal die Nummer suchen. Handy auf den Tisch legen. YouTube öffnen. [] Verhaspeln. Abhaken. Auflegen. Menschen umarmen.

3. Doch noch die Turnhalle betreten.

Ich saß mal im Umkleideraum der Sporthalle meiner Grundschule, vielleicht am Beginn eines neuen Schuljahrs, oder beim Probetraining einer Sportart, die ich ausprobieren sollte. Ich weiß nicht, ob ich zu spät war, es sich einfach so ergab, oder ob ich es drauf angelegt hatte, aber ich weiß noch wie ich als letzter in der Umkleidekabine saß und es nicht mehr geschafft habe die Halle zu betreten. Der neue, der die Klasse betritt, braucht nur ein paar Schritte bis zu einem Tisch, aber so eine Sporthalle ist riesig. Besonders für einen kleinen unsportlichen Jungen. Je länger ich wartete, desto unmöglicher wurde es mir die Halle zu betreten. Am erschöpften Ende der Verzweiflung entschloss ich mich dazu, so zu tun, als ob ich eingeschlafen wäre. Weil niemand kam, um nach mir zu sehen, waren es andere Kinder, die mich so fanden, und ich meine mich zu erinnern, dass sie die Ausrede zwar nicht besonders glaubwürdig fanden, aber dann auch schnell wieder vergessen hatten.

Diese Umkleiden haben nichts miteinander zu tun. Ich erinnere mich an dunkle Fliesen und an Bänke aus Metal und Holz. Im Sportzentrum der Uni gibt es keine Fenster, aber alles ist trotzdem heller, die Bänke sind aus Kunststoff und es riecht nach Duschgel. Ich habe keinen Grund zu warten. Ich könnte einfach wieder nach Hause fahren und es würde niemanden interessieren. Trotzdem sitze ich da und starre die Wand an und überlege, wie sich diese Bänke wohl am Hinterkopf anfühlen. Aber im Gegensatz zu damals habe ich heute ein Handy und muss nicht mehr ganz so oft tun, als müsste alle Kraft aus dem Inneren kommen.