06.10.2022

Der letzte Schliff:

„Alle Antworten ohne Gewähr. Die hier enthaltenen Aussagen sind nicht als Angebot oder Empfehlung bestimmter Anlageprodukte zu verstehen und stellen keine Rechtsberatung dar. Es wird weder ein Versprechen abgegeben, dass Heilung oder sonstiger Erfolg stattfinden wird, noch sind bei der Produktion Tiere zu Schaden gekommen.“

05.10.2022

Die Wände des Yogastudios in dem wir für die Gruppentherapie im Kreis sitzen erinnert mich an die Buttercreme der Mandeltorte, die ich am Wochenende gebacken haben und die wiederum an die Kuchentafeln, an denen ich als Kind gesessen und den Erwachsenen zugehört habe. Jetzt bin ich nicht nur selber erwachsen, sondern backe auch selber die Kuchen und trotzdem zögere ich etwas zu sagen, bevor ich nicht halbwegs sicher bin, dass ich den Gesprächsfluss nicht störe, sondern etwas schlaues, unterhaltsames oder nachdenkliches, auf jeden Fall unbedingt etwas bis zum Satzende gedachtes beizutragen habe. Die anderen sagen, dass das nicht notwendig sei und ich stimme ihnen zu. Während ich hier täglich versuche Dinge zusammenzuschnüren, übe ich im Torteninneren jede Woche Dinge aufzumachen und so sein zu lassen. Als ich nach Hause komme, ist die neue Zwischenmieterin da. Sie kommt aus der Nähe von Frankfurt. Frankfurter Kranz, na klar.

04.10.2022

Ich bin einer Schnoddermaschine. Von so einer Effizienz träumt man in der Industrie. Aus meiner Nase läuft mehr Schleim pro Minute, als Gas aus dem Loch in den Nord Stream Pipelines kommt. Einsatzteams der Stadtreinigung stehen mit Lastwagen in unsere Straße Schlange. Das Technische Hilfswerk ist mit Pumpen aus mehreren Bundesländern im Einsatz. Aus der Politik gibt es den ersten Vorschlag, meine laufende Nase einzusetzen, um damit stillgelegte Braunkohlegruben zu füllen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung fragt, ob meine Schleimproduktion einen Einfluss auf den Krieg in der Ukraine haben wird, aber ich bin dagegen, eine Erkältung so zu dramatisieren.

03.10.2022

Geburtstag. Nicht meiner. Das macht es umso entspannter. Leckeres Essen und gute Laune, ohne dabei ständig ans Telefon gehen zu müssen. Am Nachmittag gehen wir in zwei Ausstellungen. Die eine klingt gut, die Objekte sind aber fast alle langweilige Diskursstellvertreter, an die zweite habe ich keine Erwartungen und möchte positiv überrascht alles anfassen. Weil alles hinter Glas ist, begrapsche ich meinen Schal und dann die deutsche Einheit.

02.10.2022

Ich errichte eine Torte. Stahlbeton hat eine sehr schlechte Umweltbilanz, habe ich von den Architects for Future gelernt, also nehme ich für mein Gerüst steif geschlagenes Eiweiß mit gemahlenen Mandeln und ziehe eine Buttercremeschicht ein, damit sofort klar wird, dass es hier um Eigentum, nicht um Miete geht. Um Geld zu sparen, kommt die dann auch aufs Dach und an die Fassade, so muss ich nur einmal den Mixer abwaschen. In der Broschüre heißt das dann nachhaltig und ressourcenschonend. Das gilt auch für die Deko. Geröstete Mandelblättchen sind zur Dämmung eigentlich nicht geeignet, aber lenken sehr gut von ungleichmäßig verputzen Wänden ab. Bei einer 24 cm Springform ergibt das am Ende umgerechnet einen Quadratmeterpreis von 575 Euro. Bei der Version aus dem Tiefkühlfach wären es nur 110 Euro, aber Eier aus der Region und der Name des Architekten haben eben ihren Preis.

01.10.2022

frei, froh und fromm steht unter dem Dach der alten Turnhalle die Straße runter. Ich fühle mich heute weder noch, bin aber auch nicht in der Halle. Vielleicht ist es als Werbeversprechen zu verstehen. Beim Turnvater hieß es vollständig noch „frisch, fromm, fröhlich, frei“. Fromm übrigens nicht religiös gemeint, sondern wie tüchtig oder fleißig. Das war Jahn wohl immer wichtig zu betonen, und auch gegen eine Umstellung der Worte hatte er sich laut Wikipedia immer gewehrt. Auch gegen die Verkürzung von fröhlich zu froh. Umso mehr verwundert mich, dass das frisch hier zu fehlen scheint. Vielleicht habe ich es auch nur übersehen, aber ich glaube lieber an Absicht. Laut Landesdenkmalamt ist dies eine der letzten Schulen, die Stadtbaurat Hermann Blankenstein in den 1890ern baute. In einer Zeitung von 1900 heißt es: „Architektonisch wurde an den Blankensteinschen Bauten wenig gewagt, dieselben Gedanken und Formen gingen von einem Bau zum andern über, es erscheint nichts aufdringlich und verletzend an ihnen, sie führen ein bescheidenes und still zurückhaltendes Dasein.“ Vielleicht war dies also sein letztes aufbegehren? Vielleicht fühlte er sich einfach nicht mehr besonders frisch und ließ es deshalb aus? Oder war es eine persönliche Fehde mit der Turnbewegung? War es nicht. Weiter unten im Text über das Gebäude steht, dass ich das frisch wirklich übersehen haben muss, aber das passt auch, frisch fühle ich mich heute am allerwenigsten.

30.09.2022

Unsere Bühne ist ein mit einem Bettlaken abgehangenes Laufband. Der Preis ist aus der Geschenktüte eines Ladens für Periodenunterwäsche. Die Texte stammen aus dem Archiv oder sind zwei Minuten vor Beginn fertig geworden. Einer wird selber vorgelesen, der zweite anonym aus einem Hut gezogen. Es gibt genug Knabberzeug, um die Ritzen des Sofas zu füllen und um Mitternacht Geburtstagssekt. In der Raucherpause läuft deutscher Hip-Hop der Jahrtausendwende. Wir nennen es VorLeseZirkel.