06.07.2021

Dahin gehen, wo die Angst ist, sage ich gerne und muss das dann wohl auch machen.

In meinem Zettelkasten sammeln sich die Links. Ungelesene und überflogene Texte, die auf einen ruhigen Moment warten, der aber nicht kommt, weil Welt drumherum passiert und weil es natürlich blauäugig war zu glauben, selbst neben einer halben Stelle noch eine akademische Zukunft köcheln zu lassen. Da liegen also diese Links und machen mir Angst, weil die Seite zu öffnen mich nur darin erinnert, was ich nicht mache und von den Beschuldigungen, die darin liegen, will ich gar nicht erst anfangen. Aber einfach alles Löschen oder alles auf sich beruhen lassen kann und will ich auch nicht, man kann eben auch erschöpft und unterfordert sein kann, also doch in die Angst. Keinen falschen Ehrgeiz jetzt. Drei einfache Texte, drei Absätze Notizen für den Zettelkasten, drei kurze Kommentare, der eine sogar mit einem Gedanken der Spaß macht. Das reicht. Kein falscher Ehrgeiz jetzt, das ist schon viel so am Feierabend.

„Kommst du mit zum Rave? In zwei Wochen?“ Ach du kacke. Zukunftspläne. Ich war jetzt fast zwei Jahre nicht mehr so … unterwegs/tanzen/aus, ich weiß nicht mal mehr, wie man das nennt. Coole, routinierte Feiermenschen und ich dazwischen, als ob das denen nicht auffällt. Und von wegen cool, was ziehe ich denn da überhaupt an, ich weiß gar nichts mehr, wusste ich noch nie. Partys sind mir immer passiert, wie einem ein Festival passiert, nichts, was ich zwei Wochen im Voraus plane. Weil mir die herzklopfende Überforderung aber doch ein wenig Spaß macht, kaufe ich mir schnell ein Ticket, um Tatsachen zu schaffen, bevor ich noch ernsthaft beginne, darüber nachzudenken. Danach schaue ich in meinen Kalender, ob ich überhaupt Zeit habe. Am späten Nachmittag verabredet für eine Installation. Ok, also, dann passt das doch. Museum, Essen, Umziehen und dann, was auch immer es wird und wenns komisch wird, kann ich ja auch wieder gehen. In die Angst atmen. Nicht stehen bleiben. Schreiben und machen. Halleluja.

05.07.2021

Irgendwo im Hof surrt es, als würde jemand eine Angel auswerfen, aber beim zweiten Hinhören ist es dann doch eher ein Bohrer.

Ich höre beim ALDI-Wocheneinkauf ein Feature über Reif Landt und entweder passt das sehr gut oder ist völlig fehl am Platz.

04.07.2021

Zurück in Brandenburg, Landstraßenkilometer erschleichen.

Schon nachdem ich Spandau verlassen habe, muss ich mir eingestehen, dass ich heute besser ganz frei gemacht hätte, bin dann aber zu stolz und enttäuscht von mir um umzudrehen. Normalerweise tut mir das ja gut und gestern hatte ich auch allen erzählt, dass ich heute, aber egal, einfach weiterfahren. Unentschlossen und überfordert am Bahnhof stehen kann ich auf dem Rückweg auch noch. Noch so eine schlechte Entscheidung aus falscher Konsequenz.

An einem Waldweg sitzt eine Prostituierte auf einem Klappstuhl, grinst mich an und wackelt mit ihren Flip Flops, als ich vorbeifahre. An der nächsten Abzweigung steht eine mindestens dreimal so alte Frau neben einem Anhänger, von dem sie Erdbeeren, Kirschen und Wachteleier aus Freilandhaltung verkauft.

Rennradfahrer überholen mich und schauen verbissen. Auf meinem alten Fahrrad konnte ich besser freihändig fahren. Mein Hemd ist weit genug, dass der Schweiß ungestört von der Achsel bis zum Ellenbogen rinnt. Motorradmänner knattern an mir vorbei und ihre buschigen Schnauzbärte flattern im Wind. Das Hörspiel kommt nicht gegen die Motoren an. Sowieso ist die Route zu laut. Ich will mich am Sonntag nicht abkapseln müssen und eigentlich heute nur das.

Um das Wildniskerngebiet, einem alten Truppenübungsgelände, wurden drei Zäune gezogen, als wäre irgendwo zwischen den alten Bunkern ein Labor versteckt, in dem Dinosaurier geklont werden. Die Schilder warnen vor alter Munition, einstürzenden Gebäuden und großen Wildtieren. Betreten strengstens verboten. Die Wölfe sind vielleicht nur eine Tarnung. Wie die Wut. Wenn ich tief genug in den Bauch atme, tritt die kurz zur Seite und macht der Trauer Platz.

03.07.2021

Zum zweiten Frühstück gibt es ein Lächeln ohne Angst, ein riesiges Stück Tiramisu und einen Latte Macchiato auf dem Winterfeldtmarkt. Dass ich ja eigentlich lieber Milchkaffee als Cappuccino trinke, ist mir erst sehr spät aufgefallen, es ist mir sogar gar nicht selber aufgefallen, es wurde mir aufgefallen: „Du ärgerst dich immer darüber, das so wenig Milch und Schaum im Kaffee ist, das er so stark nach Kaffee schmeckt und trotzdem bestellst du immer einen Cappuccino.“

Aber Cappuccino ist eben ein schönes Wort und klingt nicht so verweichlicht wie Latte Macchiato, mehr nach Genuss und Kaffeekultur, aber der Kampf gegen die toxische Männlichkeit beginnt manchmal eben im Kleinen mit einer Weißweinschorle und dem Milchkaffee. Ich meine, dass alles vielleicht sogar schon mal aufgeschrieben zu haben, aber solange die Freude über die Erkenntnis hält, darf die Geschichte auch ein Mantra sein.

02.07.2021

Schaukelmöbelsehnsucht und alles, was dazugehört.

01.07.2021

Sie, heulend: „Du sagst die ganze Zeit so weise Sachen.“
Er, scherzend: „Tja, es hat sich noch viel mehr verändert, du solltest mal mein Sixpack sehen.“
Sie, schweigend: „…“
Er, nuschelnd: „Vielleicht hat sich doch nicht so viel verändert.“
Sie, seufzend: „Ne, eigentlich nicht.“

30.06.2021

Ein Räkeln, das aus der Anspannung der vergangenen Tage eine Tanzbewegung macht. Sprünge mit dem Gesicht in die nassen Blätter, wo ich mich sonst unter den Ästen hinwegducke. Der Jogger, der seine Nase in die Blumen steckt, weil er glaubt, unbeobachtet zu sein. Regenstiefelkinder, die durch die Pfützen rennen, über die ich gerade noch so hüpfen kann. Blur, Danger Dan, Wir sind Helden, Ton Steine Scherben – hört ja niemand, was ich höre, wenn ich mich auf dem Rückweg von der Therapie zum Weinen bringen will, um wirklich Feierabend zu machen.