03.11.2021

Ich übernehme mich mit der Strecke und laufe von Kühlungsborn West bis nach Heiligensee, weil ich Probleme die Zukunft manchmal ganz gut verdrängen kann – heute eben den Rückweg – und weil es immer wieder so scheint, als sei ich gleich da. So kurz vor dem Ziel umzudrehen hieße dann ja aufzugeben, behaupten die liegen geblieben Prinzipien, auch wenn es eigentlich nichts zu gewinnen gibt. Nur Kopfschmerzen. So einen verspannten Kiefer muss man sich verdienen. Den bekommt man nur, wenn man oft genug übt, die Zähne kräftig und grundlos zusammenzubeißen.

Option A: Paracetamol
Option B: Gin Tonic aus der Dose

02.11.2021

Ein Gefühl plötzlicher unaufgeregter Macht. Ruhiger Verfügungsgewalt. Wenn jetzt jemand kommen würde, um mir Trauben oder Schokolade zu reichen, ich würde ihm nicht danken, nur nickend andeuten, dass er sich wieder entfernen darf.

Ich stelle mir vor, den Couchtisch mit Kerzen, Wasser und Teekannen umzuwerfen. Ich stelle mir vor, jemanden zu packen. Ich spüre die Sonne und das Meer auf meiner Haut.

01.11.2021

Aufbruch an die Ostsee. Auf Twitter sehe ich, dass Greta Thunberg und Luisa Neubauer gerade auch im Zug sitzen. Sie fahren zur Arbeit, ich in den Urlaub.

31.10.2021

Den Tag nur nicht miteinander zu verbringen, weil man auch die ganze nächste Woche gemeinsam unterwegs sein wird ist ja genauso albern. Das Lust gleich Exzess sein soll hat doch auch die Kirche verzapft.

30.10.2021

Ich hatte mir die Frau, die den alten Wasserkocher abholte wegen ihres Chatstils und des spezifischen Emojigebrauchs als etwas anstrengend kommunikative Blondine mittleren Alters mit Rock und bunter Strumpfhose vorgestellt. Wer da aber vor der Tür stand, war eine zurückhaltende, ganz in schwarz gekleidetete Frau mit schwarz gefärbten Haaren, Sonnenbankbräune und einer Parfümfahne, die auch noch Stunden später an den 30 Euro haftete.

Ich kann mir vorstellen, dass es bei ihr genau anders herum war. Hätte ich sie mal gefragt.

29.10.2021

Ich installiere mir einen Tomatenzeitmesser und schaue dann statt zu arbeiten eine BBC Reihe über einen Kunsthändler, der versucht reichen Briten Möbel und Dekorationsobjekte anzudrehen.

28.10.2021

Schon wieder eine Ausstellung in einem alten Kraftwerk mit lauten Geräuschen und düsteren Projektion und abermals bin ich froh, hier nicht alleine durchzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass das anders ist, wenn man die vernebelte Betonfinsternis eher mit Musik, Sex und Drogen assoziiert, aber ich finde es eher bedrückend. Apokalypse-Larp mit Marx Zitat. Zeitgenössische Kunst sucht sich jetzt Räume, in denen es nicht auffällt, dass die Katastrophe, die sie nostalgisch morbide beschwören, nicht das Ende der Erzählung sein muss. Metabolic Rift heißt die Veranstaltung, also die Stoffwechselkluft, womit Marx die sich auftuende Schlucht zwischen der Menschheit und dem Rest der Natur meinte, noch bevor die ökologische Krise cool war.

Auf dem riesigen Dachboden des Kraftwerks haben tibetische Mönche einen Schrein zurückgelassen, der nicht direkt mit der Ausstellung zu tun hat. Eine Tafel informiert, dass die Mönche hier einen Drachen angelockt haben, der das Gebäude schützen und Glück bringen soll. Alle paar Jahre kommen sie zurück. Der Altar darf nicht verändert werden und es muss hier oben immer ein Licht brennen.

Das gefällt mir. Die Installation im obersten Stockwerk wirkt direkt ganz anders, wenn ich mir den darum tanzenden Drachen vorstelle. Und die flirtenden Scheinwerfer im Kontrollraum mag ich auf. Und die stinkenden Hinterlassenschaften des mythologischen Totenkults. Alles wo Geschichten angedeutet werden, welche die Kluft überwinden.