Nach einem guten Tag folgt meist einer, der nicht wirklich schlecht zu nennen ist, aber sich eben nicht am vorherigen messen lassen kann. Genauso viel vor, aber eine Spur erschöpfter, etwas weniger lächelnd und ein bisschen verbissener. So ein Freitag eben.
21.05.2020
Daniel Schreiber: Zuhause – Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen
Ein Zuhause sucht man nicht, man schafft es sich, bzw. richtet sich darin ein. Heimat hingegen gibt es nur als Verlustgefühl. Das „Ich liebe dich“ ist der performative Akt sich gemeinsam für schöne Tapeten zu entscheiden. Die Kraft des zukunftsgerichteten Als-Ob wird jedoch durch die Eingrenzung des zeitlichen Horizonts geschwächt. Die Flexibilisierung der Lebens- und Liebeswelt, die Fähigkeit, aus ökonomischen Zwang oder zum Zweck der Selbstverwirklichung, jeden Moment aufspringen zu können, macht es auch schwerer sich niederzulassen. In der Daueranspannung sind die Sehnsuchtsorte Damals und Woanders.
20.05.2020
Alle Jahre wieder bearbeite ich längere Texte, um sie für den Druck vorzubereiten und jedes Mal lerne ich dieselben Dinge neu und jedes Mal dauert alles viel länger als gedacht und jedes Mal bin ich irgendwann an dem Punkt, dass ich am liebsten meinen Laptop gegen die Wand werfen würde, aber worauf schaue ich dann die Videos, die mich vom Papierzeitalter ablenken sollen.
19.05.2020
Waldweidenwanderung von der Bogenseekette und Lietzengrabenniederung durch die Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde am Kulturpfad Steine ohne Grenzen entlang und wieder zurück zu den Gated Communities und Plattenbauten von Berlin Buch. Da dann in die Panke gespuckt, schnell in die S-Bahn gestiegen und an der Spreemündung auf mich gewartet. Bei jeder Pause und in der Bahn lese ich ein Essay aus Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen von Daniel Schreiber, den Sophie Passmann bei Instagram empfohlen hatte, nur auf dem Rückweg nicht, da ist die Seniorenausflugsgruppe im Wagen zu laut mit ihren Kameraeinstellungen beschäftigt.
18.05.2020
Ich breche das Hörspiel ab und verspüre den Drang, mich dafür zu rechtfertigen, denn es ist kein schlechtes Hörspiel, ganz im Gegenteil. Es ist sehr gut produziert, in einem Stil, den ich mag und es dreht sich um Personen, die ich schon aus dem Theater kenne, aber ich breche trotzdem nach der Hälfte ab, denn ich bin Identitätsgeschichtenmüde. Als weißer Cis-Mann lässt sich sowas leicht sagen, mein Ich stellt niemand infrage; oder doch, in dem ich da schon wieder eine Geschichte hören muss, die ich zwar begreifen, aber nicht nachvollziehen kann. Muss – wie eine Anmaßung im Kunst- und Kulturzirkus nicht drumherum kommen zu können um die Biografien und das Empowerment und den Struggle, also gäbe es keine anderen Themen außer der Selbstbezeichnung und überhaupt und schon klingt meine innere Stimme wie ein alter wütender Mann und ich halte die Luft an.
Es ist eine genervte Müdigkeit. Eine Mischung aus dem tadelnden Groll, wenn jemand nur von sich spricht und sich hinter einem empathischen Vokabular versteckt und der Lustlosigkeit, mit der ich ein Video wegklicke, weil ich nicht zum zwanzigsten mal erklärt bekommen möchte wie man Basilikum vermehrt. Dass ich genervt bin, ist gut, denn das heißt, dass sich etwas regt. Nur überwiegt in letzter Zeit immer öfter die Müdigkeit, das abbrechen, wegklicken und das gar nicht erst hingehen. Schamvolle Langeweile, die eigentlich komplexer ist, aber sich aus meiner Position heraus bequem zusammenstreichen lässt.
17.05.2020
Das wiederkehrende Thema des Tages ist (anscheinend) Ehrlichkeit:
15:36 – Wenn alle Gedanke und Gefühle doch nur Sätze wären, dann könnte man sie nicht nur betrachten, wenn sie vorbei gezogen sind, sondern auch auf ihren Wahrheitsgehalt befragen. Doch so, nur müde die Luft anhalten und die Enttäuschung beisammen halten, als ob ich sie verstecken könnte.
19:34 – Du und ich, es ist für immer vorbei? Es könnte nie mehr was anders als Freundschaft sein?
21:00 – HYPHE von onlinetheater.live. Bei interaktiven Theaterstücken verwende ich immer meinen echten Namen. Wenn es peinlich oder unangenehm wird, dann soll es auch richtig peinlich und unangenehm werden. Keine Masken im Theater.
23:15 – Ja, es ist vorbei.
23:58 – Und was schreibe ich davon jetzt auf?
16.05.2020
Kleiner konstruktiver Hinweis für die nächste Sanierung des sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park: Mehr Mülleimer.