01.09.2022

»Art and morals are, with certain provisos which I shall mention in a moment, one. Their essence is the same. The essence of both of them is love. Love is the perception of individuals. Love is the extremely difficult realisation that something other than oneself is real. Love, and so art and morals, is the discovery of reality. […] The tragic freedom implied by love is this: that we all have an indefinitely extended capacity to imagine the being of others. Tragic, because there is no prefabricated harmony, and others are, to an extent we never cease discovering, different from ourselves. Nor is there any social totality within which we can come to comprehend differences as placed and reconciled. We have only a segment of the circle. Freedom is exercised in the confrontation by each other, in the context of an infinitely extensible work of imaginative understanding, of two irreducibly dissimilar individuals. Love is the imaginative recognition of, that is respect for, this otherness.«

Ein paar Tabs, ein paar Absätze und dann wieder „Vier Dinge, die wir bei Hausbau wieder genauso machen würden“. Instagram versteht mich noch nicht so gut wie TikTok, dabei sind wir schon viel länger zusammen. Echter Luxus ist über L. M. Sacasas, Ivan Illich und Simone Weil bei Iris Murdoch landen zu können, ohne dafür in die Bibliothek fahren zu müssen oder den Tee neu aufzugießen.

31.08.2022

Ich war gerade den Grünen beigetreten, als Hans-Christian Ströbele die Politik verließ. Unter dem gemeinsamen Gewicht von Trump und der Klimakatastrophe, ließen sich meine Zukunftsängste Anfang 2017 nicht mehr mit der gelegentlichen Teilnahme an Demos und geteilten Tweets ruhig stellen, also blieben mir nur noch Terrorismus oder Parteipolitik und für den Untergrund war ich zu eitel.

Kurz nach meinem Eintritt begann ich ihn bei meinen Spaziergängen an der Spree zu bemerken, wo er auf seinen Rollator gestützt oft auf einer kleinen Mauer in der Sonne saß. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeiging, dachte ich, ja, es gibt immer noch viel zu tun, aber bleib du hier sitzen und ließ weiter deine Zeitung, wir übernehmen jetzt, keine Angst, und meinte dabei mich und nicht ihn, aber es funktionierte. Das werde ich vermissen.

30.08.2022

Eine junge Frau in Tränen am Telefon vor dem Blumenladen an der Ecke und später noch eine, auf der Bühne im Theater. Bei der zweiten kann ich in Ruhe hinschauen, sehe in ihr aber nur die erste.

Zwei Jugendliche halten es gar nicht aus und müssen angestrengt wegsehen. Die anderen um sie herum lachen. Noch schlimmer bei der Sexszene. Einer hält sich am an anderen fest, aber der streicht auf seine Knie gestützt immer wieder mit Zeigefinger und Daumen über die geschlossenen Augen zum Nasenbein. Die Geste hat er aus dem Internet. Das erkenne ich doch. Die FremdScham der Coolen.

29.08.2022

Eigentlich gehe ich zu diesem Tanzkurs ja nur, weil ich mag, wie die chilenische Lehrerin das Wort „Popo“ ausspricht. Wenn sie das sagt, dann klingt das nicht nach muskelkaterbewegter Schwabbelmasse, Pickeln und Dehnungsstreifen, sondern nach federleicht verführerischer Tanzflächenakrobatik mit Stahlkern. Aber auch wie ein leckeres Cremetörtchen. Verschwitzt und doch zum Reinbeißen. Das hätte ich gerne als Bildunterschrift unter meinem Porträt stehen.

28.08.2022

Mein größtes Wagnis heute war das alkoholfreie Radler, der einzige Perspektivwechsel, die Vorbeuge beim Yoga und das spannendste, die Suche nach Socken ohne Löcher.

Je später das Frühstück, desto weniger Überraschungen. (So?) In meinem autoritären Staat verhindere ich die Revolution durch eine ausgedehnte Brunchpflicht. Experimente nur in Gedanken, da für die Katharsis aber gerne heiß und schwitzig.

27.08.2022

Zum Sommerfest gehört dieses Jahr auch ein Poetry Slam, für den sechs Poet:innen anreisen, um in der Tanzscheune ihre Texte vorzulesen. Ich war schon lange nicht mehr bei einem Poetry Slam, weiß jetzt aber wieder auch warum. Je ein schlechtes Pathosgedicht macht mir zwei gute Geschichten kaputt. Schwierig so mit einem Plus aus dem Abend zu gehen, aber trotzdem immer schön, wenn Menschen so einander zuhören.

Der Poetry Slam wird aus einem Topf für Kultur im ländlichen Brandenburg finanziert, dabei kommen die meisten Gäste aus Berlin.  Als Beweis, dass es sich um eine öffentliche Veranstaltung handelt, muss ein Flyer bei der Landesregierung eingereicht werden. Als Beweis, dass es sich um das ländliche Brandenburg handelt, können wir unser gemietetes Auto nicht abschließen, weil man dafür Handyempfang braucht.

26.08.2022

Fünf Tipps, wie du dein Zimmer in eine Tonkabine verwandeln kannst:

  1. Hänge mit Decken ab, was mit Decken abhängt werden kann. Freie Oberflächen und Ecken müssen plüschen.
  2. Verteile deine Dreckwäsche im Raum. Der Schall soll auf dem Weg vom Mund ins Mikrofon keine Umwege machen wollen.
  3. Schließe alle Fenster und stopfe ein Handtuch in den Schlitz unter der Tür. Ohne Sauerstoff werden auch unerwünschte Geräusche müde.
  4. Trenne deine elektronischen Geräte vom Strom und verstecke sie. Dein Aufnahmegerät soll von ihrem Anblick nicht abgelenkt werden.
  5. Ziehe dich aus und lasse deinen Schweiß zwischen die Dielen tropfen. So quellen sie auf und quietschen nicht mehr so laut.