28.07.2022

Auf der inneren Konferenz der Tiermetaphern taucht ein neuer Teilnehmer auf – der Trotzstier, aber alle sind sich einig, dass es das noch nicht gewesen ist. Am Tisch sind noch Plätze frei, aber kein Tier traute sich nah genug heran, um die Namensschilder zu entziffern.

Aus Sommerferientrotz plane ich eine Wanderung und mache nach der heutigen Aufgabenliste direkt mit der von morgen weiter. Eins der Parkinsonschen Gesetze besagt, dass Arbeit sich genau nach dem Maß ausdehnt, wie Zeit für dessen Erledigung zur Verfügung steht (“Work expands so as to fill the time available for its completion.”) und heute stimmt es.

Auf Englisch sagt man, um seinen Alkoholkonsum zu rechtfertigen, man trinke nur ein Glas „to take the edge off“, also dass man den Dingen die Kanten nehme. Ein schöner Ausdruck. Einmal mit Schmirgelpapier über die Welt und dann kräftig pusten.

27.07.2022

Und wieder das Semesterferienproblem, dabei studiere ich nicht einmal mehr. Alle machen Sommerpause und auch wenn diese Pausen in der Regel angekündigt wurden, erwischen sie mich doch unvorbereitet. Ich schätze meine Routinen und Strukturen ja gerade weil sie mir Verantwortung abnehmen, weil ich mit ihnen nicht ständig alles im Blick haben muss. Und dann schließt plötzlich die Tanzschule und Leute fahren in den Urlaub und Arbeitsgruppentreffen fallen aus und Podcasts pausieren und selbst die Therapiegruppe trifft sich erst Ende August wieder und ich stehe mal wieder überrascht da, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen war, mich darauf vorbereiten zu müssen.

Jetzt zu versuchen, eine temporäre Ersatzstruktur zu etablieren, wäre ein typischer Anfängerfehler. So viel weiß ich. Offenbar bin ich doch nicht komplett lernresistent. So ein Pseudoalltag knirscht, stockt und vergleicht sich nur und bis es wirklich rund läuft, sind die Sommerferien vorbei. Die Tage müssen sich anders anfühlen und am besten funktioniert das, wenn sie auch anders aussehen. Also das 9-Euro-Ticket in die Hand und raus in die Steppe.

26.07.2022

Ich gehe in der Vorbereitung des Coachingtermins zum Fenster und schaue in den Himmel, ob da ein Geier kreist, aber da ist nichts. Kein Gott, kein Geier, nur die Vogelperspektive auf die eigene Müdigkeit.

Seit 2020 ist jede unerwartete Müdigkeit verdächtig. (Ob das wieder weggeht?) Dabei werde ich vielleicht ja auch einfach nur älter, komme aus der Nachtlebenübung oder unterschätze mal wieder, wie viel Kraft auch ein schönes Wochenende unter Leuten kostet. Der Blick in den Himmel wird aber ebenfalls seinen Anteil an der Erschöpfung haben. Das Seepferdchen (Erwartungen) und das Eichhörnchen (Kontrolle) haben wirklich mit dem Geier (Kritik) zu tun. Der Waschbär (?) ist so bemüht beschäftigt, keine kreisenden Schatten zu sehen, dass er gar nicht merkt, dass ihn gar nichts bedroht. Oder doch, bedroht schon, denn gäbe es keine Gefahr, was wäre sein Trotz, das ständige Tun und die Auflehnung gegen die Müdigkeit dann wert? Was wäre er dann wert?

Das Telefon klingelt. Terminabsage wegen eines Todesfalls. Ich wünsche zum Abschied viel Kraft, aber mein Tschüss klingt unangemessen fröhlich.

25.07.2022

Ich habe mir Moose und ein Schlafdefizit aus Franken mitgebracht.

24.07.2022

Triebwerkprobleme am Provinzbahnhof. Alle aussteigen und rüber auf Gleis vier, um da auf nächste Möglichkeit auf den Anschluss in Bamberg zu hoffen. Im Gang der überfüllten Regionalbahn ist von der Klimaanlage nichts zu spüren und ich schiebe mir zur Stressbewältigung die schon halb geschmolzene Tafel Schokolade in mich hinein, die ich mir eigentlich für den ICE aufgehoben hatte. Schweißfabrik Sitter – Körperbefeuchtung seit 1993. Auch mit wenig Schlaf verlässlich für Sie deutschlandweit im Einsatz.

23.07.2022

Beim zwanzigjährigen Studiengangjubiläum ist mein Jahrgang (nach den aktuell Studierenden) am stärksten vertreten. Das fühlt sich gut und richtig an. Die meisten haben nach dem Bachelor noch einen Master gemacht, identifizieren sich aber weiterhin über ihre Studienzeit hier. Den Studiengangskoordinator freut das und mich auch, als würde das den Preis des Tickets und der Unterkunft rechtfertigen.

Es ist kein Abend für Selbstverwirklichungsquartett oder Aussprachen. Mit zunehmendem Pegel entspannen sich die Augenwinkel und während das eine schlechte Gewissen zunimmt, löst sich das andere auf. Neben den Getränkekühlschränken steht eine offene Kasse auf Vertrauensbasis. Ein Bier kostet einen Euro. Spät in der Nacht wechsele ich mir mehrmals Ein-Euro-Stücke in Zwei-Euro-Stücke, weil ich für das Frühstück und den Proviant für die Rückfahrt kein Geld abheben will.

Die FDP fordert mehr Eigenverantwortung in der Pandemie und beim Energiesparen, aber für den Einkaufswagen braucht man Kleingeld und im Pissoir ist ein kleines Tor angebracht. So wird das doch alles nichts, wenn wir uns angetrunken einfach zu einer anderen Gruppe stellen, wenn die lustigen Sprüche aufgebraucht sind.

22.07.2022

An und Abreise dauern fast so lang wie die Bootparty selber. In der Eröffnungs- und Abschlussrede geht es um den Tod, dazwischen wird gegrillt, getanzt und es werden Saltos in den Müggelsee gemacht. Als ich später im Bett die Bilder des Abends durchgehe, denke ich erst ans Abnehmen und Frisuren und erst danach an die Abendsonne, das Gelächter und die Umarmungen. Die Reihenfolge ist nicht schön, aber ehrlich und hiermit zur Kenntnis genommen.