- Schleier: Meine Augen sind geschlossen, die Gedanken noch da draußen. Alles im Bereitschaftsdienst. Stillzuhalten ist eine Entscheidung. Das Problem ist das Loslassen. Bildschirme und Revenge Bedtime Procastination gegen progressive Muskelentspannung, Schlaftee, CBD, Masturbation, autogenes Training und Achtsamkeitskurse.
- Schleier: Meine Augen sind schwer, ich sinke in mich hinein. Die Muskeln gehen nicht mehr davon aus, heute noch mal gebraucht zu werden. Wach zu bleiben wird zum Kraftakt. Koffein, Schmerzen oder Schlafstörungen lauern.
- Schleier: Ich schlafe.
20.07.2021
19.07.2021
Was heute schön war: Im Laufschuhfachgeschäft gab es das Nachfolgemodell meiner jetzigen Schuhe in meiner Größe. Schnellster Schuhkauf seit langer Zeit. Fast ein Ausgleich.
Was nicht so schön war: Trotzdem am Nachmittag die Wange zerbissen und unruhig auf dem Balkon gesessen.
18.07.2021
Die Welt ist da draußen, hier ist Balkon.
Irgendwann wird sich der Balkon zurück in die Welt stülpen,
aber jetzt nicht, jetzt ist Balkon.
Sprachlos ins Gespräch vertieft schmilzt hier die Schokolade und ich verstecke sie in meinem Mund und mich im Schatten.
Leider lohnt es sich gerade in den heißen Momenten uncool zu sein. Peinlich und in direkter Rede ohne doppelten Boden, als ob das noch möglich wäre, aber genau dieses als ob ist der Schlüssel zur Balkonaußenwelt.
17.07.2021
Bei der Ausstellung hätte genau wie beim Rave später im Zeugnis „hat sich stets bemüht“ gestanden, was erst mal wenig über das Erlebnis aussagt oder was man draus macht, aber über die Stimmung, zu der sich verhalten werden muss und über die Entscheidung, das was da kommt, zu bejahen und verstärken …
Also beides nicht so gut?
Nicht wirklich, aber das Drumherum war toll.
16.07.2021
Die ausrückenden Feuerwehrautos gegenüber tragen Trauerflor und die Bienen auf dem Balkon summen, als wäre nichts. Beides noch vor dem Frühstück.
Ein Mann schreibt dem Parteiaccount, dass er nächste Woche bestrahlt wird und im Krankenhaus gerne die Wahlprogramme ausgedruckt studieren würde, ob wir die für ihn hätten. Er schreibt auch, was da genau behandelt wird und wie und es klingt nicht so, als würde man in den Pausen Parteiprogramme studieren wollen, aber wie kann man so einen Wunsch ausschlagen. Eine Postsendung wird knapp, also bin ich der Postbote, ganz froh über den Grund, nochmal aufs Fahrrad steigen zu können.
Ich verpasse fast die virtuelle Verteidigung von A., aber ich verstehe die Fragen der Promotionskommission eh nicht wirklich und das macht einerseits nichts, weil ich eh nur für ihr Lächeln nach der Anspannung im Zoom bin, und andererseits ist es traurig, mich so weit abgerückt von dieser Sprache wiederzufinden. Beim nächsten Treffen des Netzwerks könnte ich mich nicht mehr als „on an academic break“ vorstellen, sondern als „Essayist and Research-Poet on a political break“, vielleicht wäre das ehrlicher und ein Ansporn, in die Schuhe reinzuwachsen.
So schnell durch den Sommerregen fahren, dass es gefährlicher wäre, bei Gelb zu versuchen, auf dem nassen Asphalt zu bremsen.
15.07.2021
Würden wir jetzt mit halb geschlossenen Augen nebeneinander auf dem Bett liegen und müde-zufrieden dem Regen zuhören, natürlich würde ich heimlich blinzeln und dich anschauen, sichergehen, dass du noch da bist und genauso friedlich und sicher daliegst, dass ich nichts falsch mache, dass ich mir dich nicht eingebildet habe, und ich würde die Stille allein mit deinen geschlossenen Augen und ohne Restverknotung nicht aushalten und dich vielleicht nach einer Geschichte fragen, dich überraschen, damit du etwas machst, auf das ich reagieren kann, und egal was du dann sagen würdest, ich würde grinsend meine Nase in deinen Hals bohren, um mich vor deinem Blick zu verstecken und dann doch wieder auftauchen, weil ich die Spannung nicht ertrage, nicht zu wissen, wie du guckst. So wäre das, glaube ich, und ich werde etwas rot, wenn ich das aufschreibe und wackele nervös mit den Füßen und will aufstehen und durch den Raum laufen und das immer gut, wenn ich schreibe, weil es dann war und wichtig ist, was da rausmuss.
14.07.2021
Bin ich eigentlich naiv? Also nicht so süß-naiv zum in den Arm nehmen und knuddeln, sondern so unangenehm naiv zum Fremdschämen? Also auffallend naiver als die Durchschnittsabgebrütheit? Schüchtern, sprunghaft, idealistisch, romantisch, sensibel, eitel, meinetwegen auch narzisstisch, so als braver Millennial, aber selbst das finde ich ja noch in Ordnung im Vergleich zu naiv. Belächeln ist schlimmer als Auslachen, keine Chance mitzulachen. Ich bin doch nicht naiv, oder? Aber das denken bestimmt alle Naiven.
Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich wirklich daran geglaubt hatte, bei Decathlon Laufschuhe in meiner Größe zu finden. Und das zu merken war eigentlich noch viel schlimmer als mit leeren Händen wieder nach Hause zu fahren. Ich habe noch nicht mal eins der superreduzierten Wurfzelte im Sommerangebot mitgenommen und durch den Hof vom Stadtschloss bin ich auch nicht mehr gefahren. Zwei Bücher habe ich noch gekauft, ein Gedichtband und ein Sachbuch, beides Mängelexemplare, damit die Fahrradtasche nicht auch enttäuscht nach Hause kommt, und ein alkoholfreies Radler für meine Enttäuschung. Ein alkoholfreies Radler! Es geht wirklich zu Ende mit mir oder fängt gerade wieder neu an oder ist mitten drin. Je nachdem.